Wie es sich wohl anfühlt, wenn die wirtschaftliche Entwicklung an einem vorbeizieht? Mit dieser Frage beschäftigten sich die Bewohner von Gerstetten auf der Albhochfläche ab 1850. Spätestens ab diesem Zeitpunkt war es absehbar, dass die Filstalbahn im Westen über Geislingen an der Steige und Amstetten nach Ulm und die Brenzbahn im Osten über Aalen nach Ulm an dem kleinen Städtchen vorbeiziehen würden. Das waren die Gerstetter nicht gewohnt: Bedeutende Handelsstraßen verliefen bis dahin direkt an ihrem Ort vorbei. Der wirtschaftliche Niedergang ließ dann auch nicht lange auf sich warten, viele Einwohner zogen weg. In einer vereinten Anstrengung der verbliebenen Bürger wurden Verhandlungen mit dem württembergischen König aufgenommen – eine Querverbindung zwischen Filstal- und Brenzbahn von Amstetten über Gerstetten bis nach Herbrechtingen sollte geschaffen werden. Der König zögerte, und so blieb es bei dem einseitigen Anschluss der Gerstettener an die Filstalbahn in Amstetten mit der »Lokalbahn« im Jahr 1906.

Von diesem Zeitpunkt an konnten die allgegenwärtigen Schafe beobachten, wie die Eisenbahn Güter über die Hügel der Alb in Richtung Amstetten zur Hauptbahn transportierte. Auch die Bewohner der anliegenden Dörfer nutzten die Bahn – allerdings in abnehmender Zahl. 1996 war es dann soweit, dass sich der Betrieb für die Württembergische Eisenbahngesellschaft nicht mehr rentierte und eingestellt wurde. In einem großen Kraftakt übernahmen die Ulmer Eisenbahnfreunde als Eigentümer die Strecke und verhinderten so den Rückbau der Gleise. Seitdem fahren in den Sommermonaten vor allem historische Züge, mal mit Dampf, mal mit Diesel auf den breiten normalspurigen Gleisen vorbei an den Schafen. Ab und zu sichert auch ein Gütertransport den aufwändigen Erhalt der Strecke. Dies ist ein herausragendes Beispiel dafür, wie ein Verein mit viel Engagement einen Betrieb aufrecht erhalten kann.

Wer neben der schönen Landschaft zwischen Amstetten und Gerstetten auch die Geschichte rund um die Lokalbahn näher anschauen möchte, kann mit dem Rad ab dem Bahnhof Amstetten auf dem Lokalbahnradweg 21 Kilometer nach Gerstetten fahren und dort im restaurierten Bahnhof das Bahnmuseum besuchen. Ab Gussenstadt ist der Weg mit Informationstafeln zum Hintergrund der Lokalbahn ausgestattet.

Gut zu wissen

Der 21 km lange Lokalbahnradweg ist gut markiert. Fahrtzeiten der historischen Bahnen auf der Webseite der Ulmer Eisenbahnfreunde. Eisenbahnmuseum Gerstetten, Am Bahnhof 1, 89547 Gerstetten, www.gerstetten.de. Öffnungszeiten: Mrz. – Okt, So. und feiertags 10 bis 17 Uhr. Im gleichen Gebäude befindet sich das Riff-Museum. Anreise: Bahnhof Amstetten, Regionalbahn.

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Mit Herzblut und Engagement – die Lokalbahn zwischen Amstetten und Gerstetten 48.625619, 10.022106 Am Bahnhof 1, 89547, Gerstetten (Routenplaner)