Gegenüber der Burg Hohenneuffen grenzt ein Bergrücken das Neuffener Tal gegenüber dem Ermstal ab – das Hörnle. Zusammen mit dem Jusenberg – oder dem »Jusi« – reicht es weit in die Landschaft hinein. Anders als die Burg gegenüber, fängt das Hörnle die Blicke jedoch nicht mit einem trutzigen Bauwerk, sondern mit einer tiefen Wunde. Im Jahr 1902 begann das Zementwerk Nürtingen hier den Abbau von Kalkstein für die Zementproduktion. Mit einer Seilbahn wurden die Gesteinsbrocken den Hang hinunter nach Neuffen und vom dortigen Bahnhof mit der Tälesbahn nach Nürtingen transportiert. In den 1950er-Jahren sollte sogar der ganze Berg abgetragen werden. Die Bürger riefen »Stopp!« und führten eine der ersten Bürgerbefragungen in der jungen Bundesrepublik durch. 72 Prozent der Dettinger auf der anderen Seite des Hörnle stimmten mit Nein. Der Gemeinderat zog nach und der Berg blieb.

Bei meinen Fahrten durch das Neuffener Tal habe ich mich immer gefragt, was die Neuffener denn mit einem solch landschaftsprägenden Steinbruch machen? Die Antwort ist ein einmaliges Naturschutzgebiet, das sich nahezu ohne menschliche Einflüsse entwickelt. Als das Zementwerk 1975 seinen Abbau endgültig einstellte, begann wenige Jahre später die Renaturierung. Auf den horizontalen Absätzen in der 130 Meter hohen Wand wurden Büsche und Sträucher gepflanzt und direkt auf der Steinbruchsohle unregelmäßig Boden aufgetragen. Die Natur erholte sich langsam und nahm die kahle Wand mit den Wasserlöchern am Fuße in Beschlag. Die Wunde verheilte. Seitdem dümpeln seltene Gelbbauchunken in den Teichen und vielfältige Vogelarten bauen ihre Nester in den Felsen. Das 1997 ausgewiesene Naturschutzgebiet Neuffener Hörnle-Jusenberg ist Teil des Biosphärenreservats Schwäbische Alb.

Auf einer Wanderung lässt sich die Schönheit und auch die Bedeutung des Hörnle für die Bürger dies- und jenseits des Berges erfahren. Unterhalb des Naturschutzgebietes an der schroffen Wand, das mit einem Zaun gegen unwillkommene Besucher geschützt ist, führt der Weg steil den Berg hinauf bis zum Sattelbogen. Von dort geht es links über den Bergkamm hoch über dem Steinbruch. Eine Besonderheit ist hier der Eichentrockenwald. Bei einem Blick rechts hinunter nach Dettingen kann man die Bedenken der Bürger von damals nachvollziehen: Was würden deren Obstbäume und Weinreben ohne den schützenden Bergrücken des Hörnle machen?

Gut zu wissen

Naturschutzgebiet Hörnle-Jusenberg, Ausgangspunkt der 9 km langen Rundwanderung ist der Bahnhof Neuffen, 72639 Neuffen. Anreise: Bahnhof Neuffen, Tälesbahn (R82).

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Der Berg bleibt – die Geschichte der Bürgerbefragung rund um das Hörnle 48.542978, 9.352198 Bahnhof Neuffen, 72639 Neuffen (Routenplaner)