»Direkt im Eingangsbereich wollte ich mal einen Partyraum einrichten und zwei Bierbänke reinstellen. Sie glauben aber nicht, wie eng und niedrig es da drin ist. Die Bergleute waren damals sehr klein und es haben gerade mal zwei Loren nebeneinander reingepasst.« Der Herr mit dem Lockenkopf steht im Hinterhof der Werkstatt seines Autoreparaturunternehmens am Ortsrand in Geislingen an der Steige und zeigt auf das Brombeergestrüpp hinter einem Berg aus schrottreifen Autos. »Ich habe den Plan dann verworfen. Es ist außerdem gefährlich, weiter reinzugehen, die Versorgung mit Sauerstoff ist ja nicht mehr vorhanden. Jetzt wuchert der Schachteingang zu, ich müsste das Unkraut mal wieder beschneiden.«

Bis 1963 wurde in Geisligen an der Steige Erz abgebaut. In den 1920er Jahren hatte man erste Versuche gestartet, dem Berg seine Schätze zu entreißen. Schnell gab man wegen mangelnder Produktivität wieder auf. 1934 dann ein neuer Anlauf. Der unermessliche Hunger nach Erz für die Rüstungsproduktion des Dritten Reichs förderte die Nachfrage. Zwischenzeitlich war auch ein neues Verfahren entwickelt worden, mit dem das stark kieselsäurehaltige Erz aus der Grube Karl verhüttet werden konnte. Von Geislingen wurde das Erz mittels Eisenbahn direkt in den Ruhrpott befördert. Eine günstige Transportmöglichkeit, da die Industrie in der Stadt am Rand der Schwäbischen Alb ständig mit Kohle aus dem Ruhrgebiet versorgt werden musste und somit die leeren Waggons auf dem Weg zurück zur Verfügung standen. Nach dem Ende des Krieges hielt man den Bergbau noch einige Jahre aufrecht. Zu weite Wege und die fehlende Rentabilität führten zur Schließung.

Heute deutet nur noch wenig auf diese vergangene Zeit hin, in der die kleine Stadt zwischen den Berghängen anmutete wie eine Stadt im Ruhrgebiet: Erzhalden, Förderbänder, rotbraune Werksgebäude und verzweigte Schienenstränge. Die letzten sichtbaren Reste sind die »Hintere Siedlung«, wo die Bergleute aus ganz Deutschland wohnten. Straßennahmen wie Liebknecht und Thälmann erinnern an die Lebenswelt der Kumpel. Die drei Schachtzugänge sind heute fest verschlossen und überwuchert mit Brombeeren. »Der Eingang in Neuwiesen wurde noch bis vor fünf Jahren von einem alten Herrn gepflegt, jetzt sieht man ihn aber nicht mehr«, sagt unser Gesprächspartner noch zum Abschied.

Gut zu wissen

Hintere Siedlung rund um die Liebknechtstraße, 73312 Geislingen an der Steige. Die Häuser in der hinteren Siedlung gehörten ursprünglich zur Bergwerkssiedlung, die übrigen Häuser der Bergleute sind inzwischen abgerissen. Anreise: Bahnhof Geislingen an der Steige, ca. 30 Min. zu Fuß.

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Die Wächter der Grube Karl in Geislingen an der Steige 48.619094, 9.815769 Liebknechtstraße, 73112 Geislingen an der Steige (Routenplaner)