Meine erste Begegnung mit Hemmingen war von einem Missverständnis geprägt. Ein Bekannter hatte nebenbei die Himmelsleitern erwähnt. Darunter stellte ich mir eine filigran aufstrebende Treppe vor – für welchen Zweck auch immer. Nach einem eher zufälligen Spaziergang durch den historischen Ortskern wollte ich wissen: »Wo sind die Himmelsleitern?« Ein Einwohner wedelte grob in Richtung Hemminger Schloss, in dem heute das Rathaus untergebracht ist. Eine Hochzeitsgesellschaft machte sich bereit für den Empfang des frisch vermählten Paares. Eine malerische Kulisse. Hinter den Bäumen auf der anderen Straßenseite, vom Schlosspark aus kaum zu sehen, türmte sich eine Wohnanlage aus den 1970er-Jahren auf. Weit und breit keine Himmelsleiter.

Der Hunger nagte und so umrundete ich den neubaulichen »Wohnpark Schlossgut« in Richtung Supermarkt. Eine eigenwillige Konstruktion fesselte meine Aufmerksamkeit. Zwei der Hochhäuser des Wohnparks schienen auf die Straße zu kippen, nur gehalten vom vertikalen Treppenaufgang. Etage für Etage stapelte sich versetzt übereinander – auf der Seite zum Wohnpark hin, jede ausgestattet mit großzügigen aus Beton gegossenen Balkonen. Die Siebziger lassen grüßen. »In ihrem städtisch verdichteten Erscheinungsbild stehen sie in optisch starkem Kontrast zum Ortskern«, las ich später in einer Beschreibung des Landesamts für Denkmalpflege. Die besagten Himmelsleitern – sie stehen seit 2012 unter Denkmalschutz – wurden gebaut von dem renommierten Stuttgarter Architekten Paul Stohrer (1909 – 1975).

Dabei war der Anlass zum Bau weit weniger künstlerisch. 1972 drohte eine Gebietsreform und der Verlust der kommunalen Selbstverwaltung der Hemminger. Was lag näher, als durch den Bau eines Wohnparks auf kleiner Fläche die notwendige Mindesteinwohnerzahl für den Erhalt der Selbständigkeit zu erlangen? Gesagt, getan. Die Terrassenhäuser, wie sie offiziell bezeichnet werden, bildeten mit ihrer futuristischen Architektur das besondere Erkennungszeichen – und füllten sich schnell mit Bewohnern, die in den Unternehmen des Strohgäu tätig waren.

Viele Hemminger fremdeln bis heute mit dem »starken Kontrast«, auch für mich war er gewöhnungsbedürftig. Der architektonische Stadtspaziergang durch alt und neu hat mich aber versöhnt mit den Himmelsleitern, für die über 100.000 Tonnen Stahlbeton verbaut wurden und in denen die Bewohner einen Schlagbohrer benötigen, um ein Bild aufzuhängen.

Gut zu wissen

Terrassenhäuser Hemmingen, Freiherr-von-Varnbüler-Straße 2 und 4, 71282 Hemmingen. Als Start für den Stadtrundgang durch den historischen Ortskern und den Wohnpark Schlossgut bietet sich der Bahnhof Hemmingen an. Anreise: Bahnhof Hemmingen, Strohgäubahn (R61).

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Ein Stadtspaziergang zu den Himmelsleitern in Hemmingen 48.863811, 9.038250 Freiherr-von-Varnbüler-Straße 2, 71282, Hemmingen (Routenplaner)