Wenn man mit dem Zug von Stuttgart nach München fährt, passiert der Zug im Filstal zuerst Süßen und dann Kuchen. Der Streckenabschnitt ist mir als »süßer Kuchen« im Gedächtnis geblieben. Es sollte Jahre dauern, bis ich mal in Kuchen ausstieg. Dabei entdeckte ich einen für mich neuen Teil der Industriegeschichte rund um Geislingen: Die Arbeitersiedlung in Kuchen. Mit der Eröffnung des Teilstücks der Eisenbahn-Hauptstrecke bis nach Friedrichshafen im Jahr 1850 setzte in Geislingen die Industrialisierung ein. Eine Schweizer Unternehmerfamilie gründete in Kuchen eine Baumwollspinnerei. Einer der Söhne, Arnold Staub, veranlasste den Bau der Arbeitersiedlung. Ordnung und Sauberkeit waren ihm ziemlich wichtig, außerdem hatte der Unternehmer ein Problem: Die mühsam und oft von weither angeworbenen Arbeiter sprangen auch schnell wieder ab. So kam er auf die Idee, sie enger an das Unternehmen zu binden. Und was liegt näher, als den Menschen angenehme Lebensbedingungen zur Verfügung zu stellen?

1858 entstand dann das erste Arbeiterhaus mit fünf Wohnungen. Die Siedlung wuchs und zu den Wohnhäusern mit den bürgerlich wirkenden Fassaden kamen zentrale Einrichtungen hinzu. Das Waschhaus ist ein Beispiel dafür, wie wichtig dem Unternehmer die hygienischen Standards waren. Beim Spaziergang über das denkmalgeschützte Gelände heute merkt man aber auch, dass Arnold Staub noch etwas anderes im Sinn hatte: Die Kontrolle des sozialen Lebens der Arbeiter. So hat jede Wohnung in den Häusern einen eigenen Eingang. Das soziale Leben musste auf dem offenen zentralen Platz stattfinden, anstatt bei versteckten Gesprächen im Treppenhaus. Von der Fabrikantenvilla aus, konnte man den zentralen Platz gut beobachten. Selbst für die kleinen Vorgärten gab es strenge Richtlinien – die besten bepflanzten Gärten erhielten eine Auszeichnung.

Im letzten Jahrhundert konnte die Textilindustrie dann nicht mehr mithalten mit der Konkurrenz aus Asien und die Süddeutsche Baumwolle Industrie AG Kuchen musste 1983 Insolvenz anmelden. Die Gemeinde übernahm das Gelände und sanierte die Wohnhäuser. Deren Vorgärten werden zwar immer noch von ordentlichen gleichmäßig geschnittenen Hecken umgeben, die Gärten selbst sehen aber durchaus unterschiedlich aus.

Gut zu wissen

Arbeitersiedlung Kuchen, Neckarstraße, Bleicherstraße, Weberallee, 73329 Kuchen, www.kuchen.de/arbeitersiedlung.html. Führungen können bei Helmut Junginger, Tel. +49 (0)7331 81256 gebucht werden. Anreise: Bahnhof Kuchen, Regionalbahn.

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Ziemlich kontrolliert – die Arbeitersiedlung in Kuchen 48.645659, 9.791882 Weberallee, 73329, Kuchen, Deutschland (Routenplaner)