ScottyScout im Gespräch mit Yannik Krebs

Unser Gesprächspartner ist Archivar der Stadt Münsingen und verantwortlich für die Erinnerungsstätte Matthias Erzberger in Münsingen-Buttenhausen:

Matthias Erzberger (1875-1921) war fleißiger Mensch, der aber auch den Genüssen der Tafel nicht abgeneigt war. Er aß und trank gerne. Gleichzeitig war er streng katholisch und besuchte regelmäßig die Messe. Und er war sehr eifrig. Im Schwäbischen würde man ihn als einen typischen »Schaffer« bezeichnen. Als er 1903 als jüngster Abgeordneter im Wahlkreis Biberach in den Reichstag gewählt wurde, las er zur Einarbeitung alle Sitzungsprotokolle der letzten 30 Jahre und legte sich einen Karteikasten an, in dem er Namen und Vorgänge notierte. So konnte er in seinen Reden immer wieder Bezüge zu Aussagen einzelner Personen und zu Ereignissen herstellen. Das brachte ihm nicht nur Freunde ein.

Bevor Erzberger die große Bühne in Berlin betrat, wirkte er vor allem in Württemberg. Er kam aus armen Verhältnissen und machte schon als Kind die Erfahrung, einer Minderheit anzugehören: Buttenhausen bestand damals je zur Hälfte aus Juden und Protestanten, seine Familie war katholisch. Während seiner Ausbildung zum Lehrer entdeckte er sein Redetalent, wurde 1895 politisch aktiv und war viel unterwegs. Der Ausbau der Eisenbahn in Württemberg ermöglichte es Politikern gleich mehrere Termine an einem Tag wahrzunehmen. Dazu kam die Entwicklung der Massenmedien, die eine schnelle Verbreitung von Texten und Informationen weiter förderten.

Matthias Erzberger war ein wichtiger Wegbereiter der deutschen Demokratie: Er legte in der Weimarer Republik die Grundlage für unser Steuersystem, prangerte Missstände in den deutschen Kolonien an, machte sich für ein politisches System mit »Zivilisten« – gewöhnlichen Bürgern – stark und lernte aus eigenen Fehlern. So begeistert er zunächst von den Entwicklungen hin zum Ersten Weltkrieg war, desto mehr setzte er sich ab 1917 für den Frieden ein. Er unterschrieb als Bevollmächtigter den Waffenstillstandsvertrag, der das Ende des Ersten Weltkrieges bedeutete. In der Weimarer Republik führte das unter anderem zu seiner Diffamierung. In unserer Ausstellung steht dafür symbolisch ein einsamer Stuhl, auf den Flüstertüten gerichtet sind. Am 26. August 1921 wurde er von ehemaligen Militärangehörigen ermordet.

Gut zu wissen

Erinnerungsstätte Matthias Erzberger, Mühlsteige 21, 72525 Münsingen-Buttenhausen, www.hdgbw.de/ausstellungen/erzberger/, Tel. +49 (0)7381 182115. Öffnungszeiten: April bis Oktober, So. und feiertags 13 bis 17 Uhr und nach Vereinbarung für Gruppen ab 5 Personen. Anreise: Haltestelle Buttenhausen Kirchbergstraße, Anruf-Sammel-Taxi ab Bahnhof Münsingen, Tel. +49 (0)7381 934544.

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Einsatz für einfache Bürger in der Politik – Matthias Erzberger Erinnerungsstätte 48.359500, 9.477470 Mühlsteige 21, 72525 Münsingen-Buttenhausen (Routenplaner)