von Gastautorin Stefanie Jeschke

Stefanie Jeschke ist freischaffende Diplomdesignerin und nach Aufenthalten im Ausland wieder zurück gekehrt in ihre Heimatstadt Treuenbrietzen:

Die Geschichte lautet so: Johann Tetzel, der umtriebige Ablassprediger, weilte Anfang des 16. Jahrhunderts in Jüterbog und war in den umliegenden Dörfern und Städten im heutigen Brandenburg unterwegs. Ein erworbener Ablassbrief sollte den Käufer von seinen Sünden befreien und das eingezahlte Geld Kardinal Albrecht von Brandenburg von seinen Schulden – so das Ansinnen im Hintergrund. Auch der Petersdom in Rom sollte von dem Geld profitieren. Anlass für Luther, seine 95 Thesen zu verfassen. Ein Mann namens Hans von Hake kam zu Tetzel und erkundigte sich, ob er auch einen Ablassbrief für noch nicht begangene Sünden bei ihm kaufen könne. Das sei kein Problem, meinte Tetzel, und verbürgte sich auch für diesen Fall der Loslösung von Sünden. Am nächsten Tag kam nun jener Hans von Hake zurück, überfiel den fleißigen Tetzel und raubte ihm den Ablasskasten, in dem Tetzel die kompletten Einnahmen aufbewahrte. Als Tetzel ihm mit dem Fegefeuer drohte, winkte Hans von Hake mit dem am Vortag erworbenen Ablassbrief. Der Tetzelkasten steht heute in der Nikolaikirche in Jüterbog.

Diese Absurdität faszinierte uns: Einen Ablassbrief kaufen und man ist aus dem Schneider, egal für welche Tat. »Wir«, das ist eine Gruppe von fünf Potsdamer Illustratoren. Darüber hinaus zog uns uns die Aufmachung der Ablassbriefe an. In Anlehnung an die historischen Holzschnitte gibt es bei uns einmalige Linoldrucke. Viele Menschen konnten damals nicht lesen, also mussten Bilder die Qualen beschreiben, die einen im Jenseits erwarteten. Das war nicht ohne, was der Teufel da vorhatte.

Inspiriert von dieser Dreistigkeit, wollten wir uns auf die ganz »normalen« Alltagssünden konzentrieren. Wie wäre es, wenn man ganz ohne schlechtes Gewissen das Klopapier aus einem Restaurant mopsen könnte? Oder einfach beim Aussteigen aus dem Fahrstuhl alle Knöpfe drücken würde? So kamen wir auf die Idee der Ablassautomaten im Wirkungskreis Johann Tetzels rund um Jüterbog. In Treuenbrietzen zum Beispiel steht ein ausgedienter Zigarettenautomat, aus dem man schon seit einer Weile Kunst in der Größe einer Zigarettenschachtel ziehen kann. Dieser wird nun um einen Ablasschacht erweitert. Bei der Gestaltung der Ablassbriefe für Alltagssünden orientieren wir uns an den historischen Vorbildern – mit neuen Inhalten.

Gut zu wissen

Kunstautomaten mit Ablassschächten, Großstraße 9, 14292 Treuenbrietzen, www.kunstautomat.kunsttick.com. Weitere Kunstautomaten stehen in Bad Belzig, Brück, Luckenwalde, Wiesenburg (Mark) und Coswig. auf der Webseite befindet sich eine Karte mit der Übersicht der Standorte in ganz Deutschland. Anreise: Regionalbahnhaltestelle Treuenbrietzen, von dort 15 Min. zu Fuß.

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Ablassautomaten für die Sünden des Alltags - Treuenbrietzen 52.096747, 12.869150 Großstraße 9, Treuenbrietzen, Deutschland (Routenplaner)