Die Straße führt vorbei am Eierverkäufer und dort ist auch der Bäcker. Gegenüber liegt der Verein zur Erhaltung und Rekultivierung von Nutzpflanzen (VERN e. V.). Ländlicher geht’s nicht als hier in Greiffenberg. Ich biege in den Hof ein, umsäumt von Backsteingebäuden, und stehe vor dem Schau- und Vermehrungsgarten. Zu dieser Jahreszeit hängt über allem schon ein kleiner Dunstschleier, die Feuchtigkeit der umliegenden Wiesen steigt hoch und kündet baldigen Frost an. Die etwa 2.000 Sorten, die der VERN vermehrt und erhält, werden regelmäßig kultiviert. Das fördert die Anpassung an heutige Umwelt- und Nutzungsbedingungen.

Seit 1996 ist das Hauptziel des VERN, die Nutzpflanzenvielfalt jenseits des Einheitsgemüses unserer Supermarktregale zu zeigen, zu unterstützen und zu erhalten. Zusammen mit gärtnerischen Betrieben, Landwirten aber auch Privatleuten werden alte und regionale Sorten angebaut, die nicht den Anforderungen der hochindustrialisierten Landwirtschaft, wie Transportfähigkeit, gleichmäßiger Erntezeitpunkt oder Einheitlichkeit genügen. Da ist zum Beispiel die Grünkohlsorte, die hier wie ein Palmenhain dem kalten Wetter trotzt. Etwa 75 Prozent dieser Nutzpflanzensorten sind innerhalb der letzten Jahrzehnte verschwunden, schlicht und einfach, weil sie nicht mehr angebaut werden. Doch in diesen Sorten stecken oft wertvolles Genmaterial und ein toller Geschmack.

Um den fortschreitenden Verlust zu bremsen, kümmert sich der VERN nicht nur um Vermehrung, sondern auch um die Nutzung alter Sorten. Man erhält das, was man isst – und so kann ich zum Beispiel Champagner-Roggen als Brot verarbeitet kaufen. Viele alte Sorten sind auffindbar im Sortiment kooperierender Bio-Höfe.

Hier im Schaugarten kann man diese Vielfalt und die dahinterliegende Arbeit bewundern und dabei erfahren, dass die Saatgutvermehrung auch bei Gemüse mitunter durchaus kompliziert sein kann. Zum Beispiel Rote Beten vermehren sich windbestäubt und somit kann hier vor Ort nur eine einzige Sorte abblühen. Deshalb pflegt das VERN ein gutes Verhältnis mit den Nachbarn, so dass sich keine Bete-Sorte vom angrenzenden Grundstück ungefragt einmischt in die Vermehrung. Wer die Samengewinnung miterleben möchte, kommt am besten zwischen Ende Juni und Anfang August zu Besuch.

Gut zu wissen

VERN e. V., Burgstraße 20, 16278 Angermünde (OT Greiffenberg), www.vern.de. Der Schaugarten ist ganzjährig geöffnet, Führungen sind im Frühjahr, Sommer und Herbst möglich. Ein besonderer Tipp: Der Tomatentag am 1. Mai jeden Jahres. Die Anfahrt nach Angermünde ist mit dem Regio­nalexpress oder verschiedenen Regionalbahnen möglich. Von da aus weiter mit dem Bus (Linien 450 und 475).

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Der VERN – ein Plädoyer für die Artenvielfalt 53.088831, 13.958640 Burgstraße 20, 16278, Angermünde, Deutschland (Routenplaner)