Eberswalde ist bekannt für seine industrielle Vergangenheit. Das bedeutendste Relikt seiner ehemaligen Industriekultur ist für mich die Messingwerksiedlung. Abseits der Straße, am Finowkanal gelegen, stehen die sehr unterschiedlichen Gebäude der alten Siedlung. Bereits um 1700 begann man hier, Metall herzustellen, bald darauf, Arbeiter anzusiedeln. Heute ist es eher ruhig. Am schönsten finde ich es abends, wenn man auf einer Parkbank sitzen und die historischen Gebäude in Ruhe auf sich wirken lassen kann. Zunächst betritt man die Siedlung durch das sogenannte Torbogenhaus, das vollständig saniert und zu modernen Wohnungen umgebaut wurde. Links dahinter, inmitten einer kleinen Parkanlage, steht eine flache, rechteckige Ruine mit einem vierstöckigen Feuerwehrturm. Das Haus ist auf den Mauern des ersten Messingwerkes gebaut und gilt damit als ältestes Industriegebäude Brandenburgs. Ein Plakat sagt, dass hier bald Lofts entstehen sollen. In diesem Denkmal zu wohnen, fände ich gar nicht schlecht.

Gegenüber befindet sich ein baufälliges, einst prächtiges Haus, dessen Eingang von Säulen gestützt wird. Die Fassade ist mit jüdischen Symbolen verziert. Das ist die leerstehende Villa der Familie Hirsch, die das Messingwerk im 19. Jahrhundert übernommen und zur Blüte gebracht hat, bis sie es 1941 aufgrund der Judenverfolgung aufgeben musste. Dank der Familie Hirsch wurde eine arbeiterfreundliche Infrastruktur gebaut, zum Beispiel eine Schule, in der sich heute das Eichamt befindet, oder der in seiner Bauweise einzigartige Wasserturm, der 1918 zur Wasserversorgung der Siedlung errichtet wurde.

Meine Lieblingsstelle ist die Musterhaussiedlung zwischen dem Torbogenhaus und dem Wasserturm. Das Messingwerk produzierte in den zwanziger und dreißiger Jahren die sogenannten Kupferhäuser. Das waren Einfamilienhäuser in Fertigbauweise aus Metall, die preiswert herzustellen und leicht zu transportieren waren. Speziell für jüdische Auswanderer wurden seit 1933 diese Häuser angeboten. Sie konnten in flache Pakete verpackt, quasi in Ikea-Manier, mit ins Heilige Land genommen werden. Einige dieser Häuser stehen dort immer noch. Vielleicht werde ich die Häuser bei meinem nächsten Besuch in Israel einmal besuchen.

Gut zu wissen

Die Messingwerksiedlung befindet sich zwischen der Erich-Steinfurth und der Altenhofer Straße. Wasserturm (barrierefrei), Mühlenstr. 8, 16227 Eberswalde, www.wasserturm-finow.de, Tel. +49 (0)3334 237846. Anreise: Ab Berlin-Hauptbahnhof mit dem RE nach Eberswalde, dann mit dem Bus bis Erich-Steinfurth-Straße.

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Rundgang durch die Messingwerksiedlung Eberswalde-Finow 52.847409, 13.725164 Am Wasserturm, Eberswalde, Deutschland (Routenplaner)

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