Die Potsdamer Innenstadt ist wieder heiß umkämpft – zumindest verbal. Das alte barocke Zentrum der Stadt wurde zum Ende des Zweiten Weltkrieges weitgehend zerstört, kurz nachdem Potsdam von den Nationalsozialisten als »Fester Platz« ausgerufen wurde, der besonders hartnäckig verteidigt werden sollte. Am späten Abend des 14. Aprils 1945 griffen schließlich knapp 500 britische Bomber Potsdam an. Neben den Menschenopfern ging eine der eindrucksvollsten barocken Platzanlagen in Europa verloren.

Nicht alle Baudenkmäler wurden in der DDR-Zeit wieder aufgebaut. Um die Nikolaikirche und das alte Rathaus am Alten Markt entstanden sozialistische Zweckbauten und Ensembles wie das Gebäude der Fachhochschule Potsdam oder der Staudenhof, ein Innenhof mit Skulpturen und schattenspendenden Grünanlagen zwischen der Fachhochschule und einem sozialistischen Plattenbau. Die Bautätigkeit in der DDR war nicht nur ökonomischen Zwängen unterworfen, sondern hatte zudem ideologische Gründe. Auch architektonisch sollte in der neuen Bezirkshauptstadt Potsdam mit dem alten »Geist von Potsdam«, den bürgerlichen und preußisch-militaristischen Traditionen, gebrochen werden. Entstanden ist ein architektonisches Patchwork, an dem sich die wechselhafte Geschichte der Stadt ablesen lässt. Eine Charakteristik, die ich persönlich heute für sehr wertvoll erachte, was mir von meinen Besuchern oft bestätigt wird.

Doch nicht jedem gefällt das. Es gibt eine große Lobby in der Stadt, die das historische Zentrum auf den alten Grundrissen wieder auferstehen lassen möchte. Hierfür sollen Gebäudekomplexe abgerissen werden, um die historische Straßenführung und eine kleinteilige Bebauung zu ermöglichen. Andere befürchten hingegen einen weiteren Ausverkauf der Potsdamer Mitte, in der intakte Gebäude mit öffentlichen Geldern abgerissen und die Privatisierung des Stadtraums voran getrieben werden sollen. Ein entsprechendes Bürgerbegehren der Kritiker konnte im Sommer 2016 in kurzer Zeit die nötigen Unterschriften sammeln.

Es lohnt sich, einen Blick auf das sozialistische Erbe der Stadt Potsdam zu werfen. Doch man sollte sich beeilen. Es wäre möglich, dass trotz der lebhaften Debatte bald die Bagger anrücken und dieses architektonische Erbe auch bald »Geschichte« sein könnte.

Gut zu wissen

Staudenhof, Am Alten Markt 10, 14467 Potsdam, Fachhochschule Potsdam, Friedrich-Ebert Straße 5. Die benachbarte Nikolaikirche hat eine Aussichtsplattform. Von dort erkennt man, wo sich das einstige Zentrum der Stadt befand. Anreise: Haltestelle Alter Markt, Bus (Linienauswahl 605, 609, 650, 695, N15). Straßenbahn (Linienauswahl 92, 96, 99).

Stadtführungen u.a. zur sozialistischen Stadtentwicklung in Potsdam können bei »Berlins Taiga« gebucht werden.

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Potsdams kontroverse sozialistische Mitte 52.396320, 13.058712 Friedrich-Ebert-Straße 5, Potsdam, Deutschland (Routenplaner)

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