Das Gute liegt so fern. Um nach Vichel zu kommen, muss man entweder in ein Auto steigen oder nach der Bahnfahrt eine Dreiviertelstunde durch das Rhinluch radeln, entlang ewig sich dahinziehender Alleen, Maisäckern und Ankündigungen für das 52. Traktorfest in Nackeln. Irgendwann erscheint zur Rechten ein kleines Schild: »Keimzelle«. Hier kommen sie her, die kleinen bunten Saatguttütchen, die in vielen Berliner Geschäften zu kaufen sind.

Vor neun Jahren sind Eve Bubenick und Winnie Brand hierher in das Rhinluch gezogen und haben die Samenbau Nordost Kooperative GbR gegründet. »Hier gibt es den letzten Frost im Juni, und den ersten im September«, sagt Eve. Trotzdem ernten die beiden hier Saatgut für kommende Generationen von 120 Gemüsesorten, Blumen und Kräutern. Viele davon sind wenig bekannt oder gerade erst wieder entdeckt. Als ich durch den Schaugarten gehe, haut es mich schier um: Vor mir liegt ein buntes, von Insekten wimmelndes Pflanzenmeer. Die Laufenten halten es schneckenfrei, die Hasen futtern die Reste, das Zugpferd erledigt die Feldarbeit. Schön ist es hier! Aber soweit draußen?

Winnie und Eve haben sich diesen Ort sehr bewusst ausgewählt. Das Klima ist hart, solche Anbaubedingungen schaffen Sorten, die hart im Nehmen sind. Hier gibt es auch die Ruhe für eine ebenso anspruchsvolle wie sehr kleinteilige Arbeit. Die beiden Ex-Berliner zogen aus, um abseits von Hochleistungssorten und Agrarmultis dazu beizutragen, auf 7.000 Quadratmetern eine Nutzpflanzenvielfalt zu erhalten. Dass die Sorge um diese Vielfalt berechtigt ist, beweisen die zunehmenden Maisäcker in der Umgebung.

Eve und Winnie besorgen sich alte Sorten, teils aus Privatgärten, und testen sie in mehrjährigem Anbau. Außerdem stehen sie im Kontakt mit verschiedensten Institutionen, wie französischen Saatgutzüchtern, Hobby­saatgutsammlern, aber auch mit dem Bundessortenamt. Das Ziel ist es, viele samenfeste Sorten anbieten zu können, die jede Gärtnerin und jeder Gärtner selbst vermehren und sogar verbessern kann. Jede Möhre muss durch Eves Geschmackstest: »Es gibt immer wieder mal einen genetischen Ausrutscher, der diesen seifigen Geschmack bei Möhren verursacht. Dieses Genmaterial müssen wir heraus selektieren.« Wer den Schaugarten besucht, kann nach Absprache die verschiedensten Gemüsesorten probieren, und das passende Saatgut gleich mitnehmen.

Gut zu wissen

Keimzelle, Dorfstraße 20, 16845 Vichel, www.keimzellevichel.culturebase.org, Tel. +49 (0)1520 4542040. Öffnungszeiten: April bis Oktober geöffnet. Nach Absprache ist eine kurze Führung und Erläuterung zur Arbeit der »Keimzelle« möglich. Anreise:Mit der Regionalbahn nach Neustadt (Dosse), dann ca. 15 km mit dem Rad über Land nach Osten Richtung Fehrbellin.

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Die Keimzelle – Ein Ort für Sorten, die hart im Nehmen sind 52.833720, 12.622760 Dorfstraße 20, 16845, Vichel, Temnitztal, Deutschland (Routenplaner)