Heute spazieren wir durch die Schwartzkopff-Siedlung in Wildau, die auf Louis Schwartzkopff zurückgeht, den Gründer der Berliner Maschinenbau AG, die 1900 in Wildau eine große Eisenbahnfabrik errichtete. Diese Mischung aus Industriegeschichte und interessanter Architektur lassen mein Herz höher schlagen.

Zu den heute noch erhaltenen Werkshallen gehören etwa 160 Mehrfamilienhäuser, die zwischen 1900 und 1922 für die Fabrikarbeiter und ihre Familien gebaut wurden. Bei so einer großen Siedlung bleibt wenig Spielraum für individuelles Wohnen, denke ich mir, als ich an den immer gleichen, in Klinker gefassten weißen Fassaden vorbeilaufe. Doch halt! Hier sehe ich einen Balkon, dort drüben ist keiner, dafür eine charmante kreisrunde Klinkerverzierung. Immer mehr solcher Abweichungen und Details erkenne ich und stelle beim dreißigsten Haus fest, dass jedes Haus ein Unikat ist. Wahnsinn. Diese Häuser würde ich gerne von innen sehen. Für damalige Verhältnisse waren sie sehr modern eingerichtet, lese ich auf einer Infotafel, es gab sogar Innentoiletten. Auch die kleinen Gärtchen und die direkte Lage an der Dahme, die hier so breit ist wie ein See, zeugen von einigem Wohnkomfort, der für die soziale Verantwortung spricht, welche die Unternehmer um die Jahrhundertwende für ihre Mitarbeiter zu übernehmen begonnen.

Heute sind alle Häuser saniert, alte Klinkersteine wurden durch neue, hellere ersetzt. Da die Schornsteine des gegenüberliegenden Fabrikgebäudes nun nicht mehr rauchen, ist es idyllisch ruhig hier – bis auf die Züge, die ab und zu vorbeikommen. Kein Wunder, dass die Wohnungen sehr beliebt sind. Auf der anderen Seite der Gleise wurden die Werkshallen zum Teil aufwendig restauriert und mit Glaselementen erweitert, hier befinden sich die technische Hochschule sowie kleine Gewerbe. An den alten Fabrikbetrieb erinnert eine große Lokomotive, die auf dem Campus als Denkmal ausgestellt ist. Wir müssen schon an 150 Gebäuden vorbeigelaufen sein, die Füße schmerzen langsam. Doch ich möchte unbedingt noch die beiden Direktoren- und Verwaltervillen in der Eichstraße sehen. Etwas ernüchtert stelle ich fest, dass sie sich in ihrer Architektur nur wenig von den Wohngebäuden der Arbeiter unterscheiden. Andererseits gefällt mir die optische Einheit der Siedlung. Nun reicht es aber. Noch 152 Häuser bis zum Auto.

Gut zu wissen

Schwartzkopff-Siedlung, 15745 Wildau, Infotafel am Marktplatz 1. Zur Siedlung gehören auch das ehemalige Casino, heute Rathaus (Karl-Marx-Straße 36), die alte Schule (Karl-Marx-Straße 108) und das alte Clubhaus am Wasser (Karl-Marx-Straße 102A). Anreise: Haltestelle Wildau, S-Bahn (Linie S46).

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Der Unterschied steckt im Detail - die Schwartzkopff-Siedlung Wildau 52.322737, 13.636630 Wildau, Deutschland (Routenplaner)

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