Lebus nördlich von Frankfurt kann ein Radler auf dem Oder-Neiße-Radweg kaum übersehen. Hollywood-ähnliche Lettern hat man an den Oderhöhen aufgestellt. Unauffällig zieht dagegen am anderen Flussufer das Lebuser Land vorbei und es ist fraglich, ob die deutschen Lebuser nach 1945 gewusst haben, dass polnische Historiker die Gegend jenseits des Flusses, die gerade durch eine neue hermetische Staatsgrenze abgetrennt worden war, ausgerechnet Ziemia Lubuska — Lebuser Land tauften.

Die Historiker hatten jedoch nicht das zeitgenössische Lebus im Sinn. Ihre Aufgabe war es, sich ein mehr oder weniger historisch fundiertes Etikett auszudenken, das die neue Zugehörigkeit des Landstrichs zu Polen legitimierte. Sie wurden fündig im frühen Mittelalter, als der slawische Stamm der Leubuzzi um den Ort Lubusz (Lebus) herum lebte. Die vom Stamm gebaute Wehranlage war ab 1125 Sitz des Bistums Lebus, das in der Zeit dem piastisch-polnischen Herzog in Gniezno unterstand. Polnisch regiert wurde das Bistum allerdings nur 124 Jahre, dann übernahm es der Erzbischof von Magdeburg und dann für lange Zeit die Markgrafen von Brandenburg. Mehr polnische Geschichte war so weit im Westen nicht zu finden, für die programmatische Geschichtspolitik in Nachkriegspolen musste sie genügen.

Das »Lebuser Land« bezeichnet allerdings seit 1945 nicht nur den Teil, der einmal Teil des kleinen Bistums etwa 40 Kilometer rund um Lebus war, sondern die gesamte Gegend östlich der Oder zwischen der Warthe und Drawa im Norden, den Kreisen Międzyrzecz (Meseritz) und Babimost (Bomst) im Osten sowie Bytom (Beuthen), Żagań (Sagan) und der Lausitzer Neiße im Süden. Lebus ist ein ahistorisches regionales Gebilde, das Historiker als historisch-geografische Einheit verstanden wissen wollten.

Die Region ist aber das Gegenteil von Einheit: Sie ist ein Mosaik aus Teilen von Regionen mit verschiedener Vergangenheit. Man findet darin das alte Ostbrandenburg, ein Stück Schlesien ebenso wie die Lausitz und Spuren Großpolens und Pommerns. Als Wojewodschaft gibt es das Lebuser Land (Lubuski) seit 1998. Sie hat als einzige Wojewodschaft Polens zwei Hauptstädte, die immer ein wenig rivalisieren: Gorzów, das alte Landsberg an der Warthe, einst im Herzen der Neumark gelegen, und Zielona Góra, früher Grünberg, in Schlesien. Das zeigt, wie heterogen die Region noch heute ist. Die Fundamente der alten Bischofsburg kann man auf dem Hügel im Zentrum von Lebus finden.

Gut zu wissen

Fundamente der Bischofsburg, Turmberg, 15326 Lebus, www.oderbruch-tourismus.de. Das Bild zeigt die Steinplatte an der Außenmauer der alten Bischofsburg in Lebus. Anreise: Haltestelle Lebuse Mitte, Bus (Linien 968 und 969) Frankfurt – Seelow.

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Ziemia Lubuska – warum es Lebus links und rechts der Oder gibt 52.426100, 14.541200 Bischofsplatz, Lebus, Brandenburg, Deutschland (Routenplaner)