von Gastautor Holger Gehring

Als Kreuzorganist kennt Holger Gehring jeden einzelnen Ton der Orgel und die Jahrhunderte alte Gesangstradition der Kreuzkirche in Dresden:

Eine Besonderheit der Kreuzkirche hat ihren Ursprung lange bevor die Kirche im Zuge der Reformation evangelisch wurde. Im Jahr 1371 wurde auf Grundlage einer markgräflichen Urkunde die sonnabendliche Vesper eingeführt, deren besonders aufwendige kirchenmusikalische Ausgestaltung hat sich seitdem so erhalten. Dass die Vespern am Sonnabend und nicht am Sonntag stattfinden, geht ursprünglich auf die jüdische Praxis zurück, die Tage von 18 Uhr bis 18 Uhr zu zählen. Man fing also schon am Vorabend an, den Sonntag zu feiern. Die sonnabendlichen Vespern der Kreuzkirche waren auch Vorbild für die Gestaltung der Motetten in der Thomaskirche in Leipzig.

Jedes Mal wenn ich am Altar der Kreuzkirche vorbei gehe, werde ich an das Datum erinnert, an dem die Kirche evangelisch wurde. Der 6. Juli 1539 findet sich eingeschrieben im Unterbau des Altars. Mit diesem Datum wurde nicht nur die Kirche, sondern ganz Sachsen unter Herzog Heinrich dem Frommen evangelisch. Die Kreuzkirche war also auch ein Ausgangsort der Reformation in Sachsen. Heute ist sie die evangelische Hauptkirche der Stadt Dresden. Aus der musikalischen Geschichte der Kreuzkirche heraus hat sich eine bis heute sehr originär lutherische Liturgie erhalten: Im Gottesdienst wird bei uns bis auf die Predigt alles gesungen. Für viele Besucher hört sich das an wie eine katholische Messe – nur ohne Weihrauch.

Der Kirchenraum ist jedes Mal wieder von einer feierlichen Stimmung erfüllt, wenn der kraftvolle Gesang der Gemeinde mit über tausend Stimmen erklingt. An besonderen Festtagen sind alle 3.100 Plätze in der Kirche belegt und wenn dann noch der Kreuzchor die Vesper oder den Gottesdienst mitgestaltet, ist das ein ganz besonderes Erlebnis. Für Luther war die Musik ein Schlüssel zur Vermittlung des Glaubens. Die Choräle, die Luther selbst für die Gemeinde geschrieben hat und die regelmäßig in der Kreuzkirche gesungen werden, sind also ein typisches evangelisches Element. In der über 800 Jahre alten Kreuzkirche mit ihren Musikern und dem Kreuzchor ist bis heute ein wichtiger und sehr lebendiger Ort evangelischer Kirchenmusik zu finden.

Gut zu wissen

Kreuzkirche, An der Kreuzkirche 6, 01067 Dresden, www.kreuzkirche-dresden.de. Kreuzchorvespern und Vespern: Sa. 17 Uhr, Erwerb eines Programmheftes für 2€ ist erforderlich. Gottesdienste: So. 9:30 Uhr. In der Kirche finden zahlreiche Chor- und Orgelkonzerte statt. Anreise: Haltestelle Altmarkt, Straßenbahn (Linien 1, 2, 4).

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Lutherische Liturgie in Reinform in der Kreuzkirche 51.048625, 13.739133 An der Kreuzkirche 6, 01067 Dresden (Routenplaner)

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