von Gastautor Holger Gehring

Holger Gehring ist Organist in der Kreuzkirche und kennt die Schauplätze evangelischer Kirchenmusik in Dresden:

Was sich bei uns in der Kreuzkirche konstant entwickelt hat, war am Sächsischen Hof dem unwägbaren Lauf der Geschichte ausgesetzt: die Reformation und ihre weitere Entwicklung zum Beispiel in der Musik. Schon beim Bekenntnis des Fürsten Heinrich des Frommen zum evangelischen Glauben im Jahr 1539 gab es zwei Zentren: Die mittelalterliche Kreuzkirche war der Ort der städtischen Kirchenmusik, der sächsische Hof hingegen entwickelte mit der Hofkapelle seine eigene Tradition.

Dafür wurde nach dem Vorbild des ersten protestantischen Kirchenbaus in Torgau 1553 eine Schlosskapelle im Residenzschloss gebaut. Der Hofkapellmeisters Heinrich Schütz entwickelte hier im 17. Jahrhundert die evangelische Kirchenmusik zu ihrer frühen Hochblüte noch vor Johann Sebastian Bach. Der sehr kunstsinnige Schütz war von 1617 an über 50 Jahre bis zu seinem Tod Hofkapellmeister in Dresden. Kurfürst Georg I. nutze die Musik von Schütz auch politisch: Wo immer er versuchte, das damals zwischen Katholiken und Protestanten zerrüttete Land zu befrieden, begleitete ihn die Musik von Schütz wie beispielsweise beim Treffen der evangelischen Fürsten in Leipzig im Jahr 1631.

Mit der Musik in der Schlosskapelle war im 18. Jahrhundert aber erst mal Schluss: August der Starke konvertierte zum katholischen Glauben und erhielt dafür die polnische Krone. Die Schlosskapelle wurde 1737 abgerissen. Am Hofe existierten fortan zwei höfische Kirchenräume – ein katholischer in der neu gebauten Hofkirche und ein evangelischer in der Sophienkirche. Letztere überlebte den Zweiten Weltkrieg nicht und wurde zur Zeit der DDR ganz abgetragen. Heute ist an der Stelle der Schlosskapelle seit 2013 ein Nachbau mit originalgetreuem Schlingrippengewölbe zu bewundern. Bisher ist der Raum leer und wird als Konzertsaal genutzt. Als Kreuzorganist würde ich mir natürlich wünschen, dass die Renaissanceorgel von Gottfried Fritsche, die schon zu Zeiten von Heinrich Schütz erklang, wieder hergestellt wird – sie muss sehr opulent gewesen sein und war das raumbeherrschende Ausstattungsstück.

Das Nebeneinander von städtischer und höfischer Kirchenmusik zeigt sich übrigens bis heute: Der Kantor der Kreuzkirche ist als einziger Kirchenmusiker in Deutschland neben dem Leipziger Thomaskantor bei der Stadt angestellt.

Gut zu wissen

Schlosskapelle im Residenzschloss, Taschenberg 2, 01067 Dresden, www.skd.museum. Die Schlosskapelle ist Teil des Residenzschlosses und nur bei Führungen und im Rahmen von Konzerten zugänglich. Anreise: Haltestelle Altmarkt, Straßenbahn (Linien 1,2,4).

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Kirchenräume zwischen Stadt und Hof - die Schlosskapelle im Residenzschloss 51.051870, 13.735970 Taschenberg 2, 01067 Dresden (Routenplaner)

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