Anfang bis Mitte der Neunziger kam selten jemand auf die Idee, Fahrräder der Marken Mifa oder Diamant zu klauen. Die Ostware wurde geschmäht und gnadenlos auf den Müll verfrachtet. Dort zogen sie Horst Naumann und Thomas Pracht raus, machten sie wieder flott und verkauften sie. Der Laden Rücktritt, in dem die beiden 1996 ihren Gebrauchtradhandel begannen, befand sich im zweiten Hinterhof des Feinkostgeländes und gehörte zu den Begründern des Milieus in den leer stehenden Gebäuden. Dazu gehörte die Kulturreihe »Posing Pop und Poesie« mit Lesungen, Konzerten und Disco und das winterliche Eiscafé Capri wurde im Sommer zur »Fetten Majunke«, dem Freisitz vor dem Fahrradladen. Zusammen mit dem Publikum von der Karl-Liebknecht-Straße wurde so manche Hinterhofparty bestritten und beim Schreiben dieser Zeilen werden dunkle Erinnerungen an ferne Nächte mit Musik und Alkoholika in tiefen Kellern wach.

Mitte des 19. Jahrhunderts als Brauerei gebaut, wurden in der Feinkost ab den 1920ern Nahrungsmittel produziert, zwischen Zweitem Weltkrieg und 1990 stellte der VEB Feinkost Konserven her. Danach standen die Gebäude inklusive ihrer Keller erstmal leer, schrittweise zogen Händler, Handwerker und Künstler in die Ziegelwände. Als Abrisspläne laut wurden und anstelle des im Besitz der Treuhand befindlichen Denkmals ein Einkaufszentrum gesetzt werden sollte, gründete sich 2004 eine Genossenschaft. Ein Teil des Geländes konnte der Treuhand nach langem Hin und Her abgekauft werden, die hinteren Höfe durften einem Discounter weichen. Der Fahrradladen ist inzwischen in die Grünewaldstraße gezogen und hat längst seine eigene Flotte.

In der Feinkost geht die sanfte Sanierung weiter, immer mehr Flächen können genutzt werden. Regelmäßig locken Märkte die halbe Stadt auf den Hof, im Sommer finden dort Kino und Theater statt und am Tag des offenen Denkmals kann auch mal ein Blick in die Keller geworfen werden. Von den Ur-Bewohnern sind noch der Klamottenladen Mrs. Hippie und der Computerladen und Club Absturz da, die nach wie vor kleinteilige Gewerbestruktur reicht ansonsten vom Spielzeugladen bis zum Schuhmacher. Laue Nächte werden im Biergarten unter der Löffelfamilie verbracht. Die hat die Stadt ausgerechnet Erich Honecker zu verdanken, der die Initiative »Leipzig – Stadt des Wassers und des Lichts« anstieß, in deren Zuge 1973 die bunt blinkende, Suppe löffende Figurengruppe aus Vater, Mutter und zwei Kindern als Feinkost-Leuchtreklame installiert wurde.

Gut zu wissen

Feinkost eG, Karl-Liebknecht-Straße 36, 04107 Leipzig, www.feinkostgenossenschaft.de. Anreise: Haltestelle Südplatz, Straßenbahn (Linien 10, 11).

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Von Kellern und Höfen in der »Feinkost« 51.326220, 12.373350 Karl-Liebknecht-Straße 36, 04107 Leipzig, Germany (Routenplaner)