Der Platz um die zwei Kirchen scheint frisch gefegt, blühende Büsche zaubern Düfte und ein Lächeln. Eine ältere Frau tritt aus einem romantisch verwachsenen Nachbarhaus und freut sich über meine Freude. Ein paar Meter weiter steht ein schmaler bärtiger Mann in Mönchskutte, gerade so groß wie ich – Luther in metallener Gestalt des Junkers Jörg. Hinter ihm ein Tor mit Inschriften und ein zweites Gebilde: verkrümmte, gewaltvoll gefaltete und doch aufrecht wirkende Metallträger. Der junge Luther predigte mehrfach in Bornas Stadtkirche, bereiste die Stadt auf seinen Wegen nach Süden, besuchte seinen Freund Michael von der Straßen und verhalf der Stadt bereits 1519 zum ersten evangelischen Pfarrer. Ich stehe fast so angewurzelt wie die Figuren, ich »denk mal«, betrachte das Aufrechte, das Verkrümmte, die Hände Luthers, die Inschriften, sinniere über Entfaltung, über Mut und Demut.

Die kleine romanische Emmauskirche ist ein wehrhafter Bau mit klitzekleinen Fenstern, der nicht nur den Schutz Gottes, sondern auch den fester Mauern bot. Heute wirkt es, als würde sie beschützt von der deutlich größeren Stadtkirche gotischen Stils. Erst seit wenigen Jahren stehen sie hier in Eintracht. Zuvor – und das 750 Jahre lang – stand die Emmauskirche im 12 Kilometer entfernten Heuersdorf. Dieses Dorf jedoch wurde, wie so viele Orte der Region, dem Braunkohlentagebau geopfert. Die Kohle brachte Arbeit und Verdienst, aber auch Entwurzelung und Schmerz. Statt einer finanziellen Entschädigung einigte sich die Kirchgemeinde mit dem Tagebaubetreiber auf eine andere Art der Zuversicht: Die kleine Kirche wurde im Oktober 2007 auf einen Spezial-Trailer geladen und auf 160 Rädern nach Borna manövriert. Sie wurde restauriert, Einflüsse aller Epochen von der Romanik bis ins 20. Jahrhundert sind erhalten, dicke Eisenträger an der Außenmauer zeugen von der jüngsten Zeit. 19 andere Kirchen in der Tagebauregion wurden zerstört. Die Emmauskirche soll helfen, die Wunden der Abbaggerung zu heilen, sie ist Kirche und lebendiges Denkmal.

Wie auch die große Nachbarin St. Marien. Ihr großer Turm neigt sich wie der von Pisa, wurde ebenso stabilisiert. An Tafeln im Inneren kleben kleine Zettel, die von Abschied erzählen, aber auch von Hoffnung und Neuanfang, von Aufwand und Nutzen, Energie und Verbrauch. Die Kirchen Bornas bieten Gemeinschaft und Begegnung und wahrlich auch Bewegung.

Gut zu wissen

Stadtkirche St. Marien und Emmauskirche, Martin-Luther-Platz, 04552 Borna, www.kirche-borna.de, Führungen sind über das Pfarramt möglich: Tel. +49 (0)3433 802185. Anreise: Bahnhof Borna (b. Leipzig), S-Bahn (Linie S3).

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Der schiefe Turm von Borna, eine Kirche in Bewegung und Junker Jörg davor 51.125117, 12.498041 Martin-Luther-Platz, 04552 Borna, Deutschland (Routenplaner)