»Die macht jetzt hier Fotos und dann kommtse wieder und kauft alles auf.« Zwei junge Männer sitzen während ihrer Mittagspause auf einer Treppe in der Kolonnadenstraße und denken ziemlich laut darüber nach, ob sie sich hier bald die Miete nicht mehr leisten können. Dabei will die Frau mit der Kamera nur die ziemlich spektakulären Fassaden ablichten, um diesen Beitrag bebildern zu können. Klar, die Straße könnte schlechter gelegen sein: Nah der Innenstadt und doch ein wenig abgeschieden, der Johannapark ist nicht weit. Den Eingang bildet der Dorotheenplatz, von dem aus Straßen strahlenförmig abgehen. Das ist auf die Achsen der Anlage des Barockgartens von Herrn Apel zurückzuführen, eine von 31 Anlagen, in denen sich das damalige Bürgertum erging. Die Kopien zweier Statuen aus Apels Garten zieren den Platz.

Der Barock wich in der westlichen Vorstadt Wohnungen in Gründerzeitbauten und diese wurden im Zweiten Weltkrieg schwer getroffen. Der Wiederaufbau dauerte und schwankte zwischen Substanzerhalt und Neubau. 1982 entschloss man sich zu dem Experiment, in dessen Zuge einerseits die Altbauten saniert und andererseits vorhandene Lücken mit Plattenbauten geschlossen werden sollten. Der in den Prozess eingebundenen Bevölkerung gefiel es. 1985 waren Sanierung und Bebauung beendet. Für die Mieter hieß das, dass sie im Altbau mit Fernwärme wohnen konnten – damals durchaus ungewöhnlich – oder im Plattenbau mit Erker und Ornamenten.

Städtebaulich wurde die Straße zum Vorzeigeprojekt für innenstadtnahe Bebauung, bei der der Bezug auf die Gründerzeit auch im Neubau hergestellt wird, das Stadtbild erhalten bleibt und Wohnraum kostengünstig über Plattenbauten realisiert wird. Bis 1990 waren auch die umliegenden Straßen inklusive des hinteren Endes der Kolonnadenstraße und des Dorotheenplatzes fertig, dann wurde ein anderer Staat für Wohnungsbauprogramme zuständig. Wem nun Architekturbeschau nicht reicht, der kann trotzdem mal vorbeischauen. Man hat nämlich beim Um- und Neubau an Ladengeschäfte gedacht. Das heißt, hier gibt es Cafés und Kneipen, Geschäfte und Künstler und sogar einen Bürgerverein, der sich um seinen Kiez kümmert.

Gut zu wissen

Kolonnadenstraße, 04109 Leipzig. Anreise: Mit der Straßenbahn, Haltestelle Westplatz (Linien 1, 2, 8), Haltestelle Neues Rathaus (Linien 2, 8, 9, 14).

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Gründerzeit und Platte – die Kolonnadenstraße 51.337976, 12.365690 Kolonnadenstraße, Leipzig, Deutschland (Routenplaner)