Shakespeare reitet auf der Weltkugel: Im Treppenhaus auf dem ersten Absatz hängt das Marionettchen. Es ist mein Lieblingsdetail hier, auch weil es ein hübsches Symbol für den Westflügel ist. Denn hier ist das ganze Haus Bühne, tanzen die Puppen.

Der Figurentheaterort liegt etwas versteckt um die Ecke am westlichen Karl-Heine-Boulevard. Erst auf den zweiten Blick offenbart sich das ehemalige Jugendstilballhaus, das allmählich wieder aus seiner Unscheinbarkeit geholt wurde und wird. Er wurde als Erweiterungsbau zum Ballhaus – und heutigem Programmkino – Schaubühne konzipiert und als »Etablissement Gesellschaftshalle« 1900 von Emil Franz Hänsel (1870–1943) im Stadtteil Plagwitz errichtet. Es war das erste Leipziger Projekt des Architekten, der später mit Specks Hof und dem Zentralmessepalast Berühmtheit erlangte.

Die Zeit der Noblesse währte jedoch nicht lang. Nach nur wenigen Jahren rauschender Feste sah sich der Bauherr zum Verkauf gezwungen. Der Komplex diente fortan als Ofenrohrfabrik und Lager. Rund hundert Jahre derart zweckentfremdet, geriet das Gebäude mit Einstellung der Produktion zur Nachwendezeit in Vergessenheit.

Im Jahr 2005 erwarb der Westflügel e. V. das Haus und hauchte den Hallen verblichener Eleganz wieder künstlerischen Odem ein. Seither dient er als internationales Zentrum, Produktions- und Aufführungsort für und von Figurentheater und ist zur spannenden Ergänzung der Leipziger Theaterlandschaft avanciert. Einige Figurenspieler haben den Westflügel zu ihrem festen Zuhause und zahlreiche Hochkaräter der Szene haben hier schon Station gemacht – und nicht nur mich mit ihrer Kunst begeistert.

Gut zu wissen

Lindenfels Westflügel, Hähnelstraße 27, 04177 Leipzig, www.westfluegel.de, Tel. +49 (0)341 2609006. Anreise: Haltestelle Felsenkeller, Straßenbahn (Linien 3, 14).

Foto von Thilo Neubacher

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Wo in Leipzig die Puppen tanzen – Lindenfels Westflügel 51.332144, 12.334179 Hähnelstraße 27, Leipzig, Deutschland (Routenplaner)