Stehe ich auf dem Leipziger Johannisplatz, komme ich mir manchmal vor wie auf einer einsamen Insel inmitten eines tosenden Meeres. Die beiden langen Seiten des Dreiecks werden von zwei verkehrsreichen Ausfallstraßen gesäumt, die die Stadt gen Osten verlassen. An der dritten Kante befindet sich das stolze Grassi-Museum, das die Sammlungen dreier Museen (Musikinstrumente, Völkerkunde und Angewandte Kunst) beherbergt. Zu seinem Namen kam der Platz durch die im 14. Jahrhundert an dieser Stelle errichtete Johanniskirche. Deren im 2. Weltkrieg ruiniertes Kirchenschiff wurde 1949 abgerissen. Der Kirchturm dagegen hatte den Krieg überstanden und war anschließend teilsaniert worden. Auf Geheiß der SED ließ ihn die Stadt im Jahre 1963 jedoch sprengen. Daran erinnert das einfache Holzkreuz in der Mitte des Platzes.

Dagegen deutet rein gar nichts mehr auf das Luther-Melanchthon-Denkmal hin, das exakt 60 Jahre lang auf dem Vorplatz der Johanniskirche stand, ehe es 1943 im Rahmen der »Metallspende für den Führer« eingeschmolzen wurde. Am 10. November 1883 anlässlich des 400. Geburtstages Martin Luthers eingeweiht, waren die rund 90.000 Reichsmark zur Finanzierung des Monuments überwiegend von großzügigen Leipziger Bürgern aufgebracht worden.

Das Werk des Dresdner Bildhauers Johannes Schilling zeigte Luther und mit seinem Mitstreiter Philipp Melanchthon als überlebensgroße Figuren auf einem drei Meter hohen Sockel. Mit der einander zugewandten und ins Gespräch vertieften Darstellung der beiden Reformatoren verwies das Denkmal auf die Bedeutung von Dialog und Demokratisierung als Früchte der Reformation. Um diese Errungenschaften nachhaltig im Stadtgedächtnis zu verhaften, gründete sich 2005 der Luther-Melanchthon-Denkmal e.V. Leipzig. Der Verein hat es sich zum Ziel gesetzt, dass »Leipzig und die Leipziger Bürger ihr Reformationsdenkmal wieder erhalten, für das sie einstmals gespendet hatten.« (Zitat Website des Vereins).

Einem einstimmigen Beschluss der Leipziger Ratsversammlung von 2014 zufolge soll dieses Vorhaben bis zum 500. Jahrestag der Leipziger Disputation Martin Luthers auf der Pleißenburg im Juni 2019 umgesetzt sein. Jedoch bleibt derzeit die Frage nach einer originalgetreuen Wiederaufstellung als Replik ebenso wenig geklärt wie der Standort des neuen alten Denkmals.

Gut zu wissen

Reformationsdenkmal, Johannisplatz, 04103 Leipzig. Anreise: Haltestelle Johannisplatz mit der Straßenbahn (Linien 4,7,12 und 15). Nah von Innenstadtring und Augustusplatz, kann der Weg zum Johannisplatz gut zu Fuß zurückgelegt werden. Auch ein Besuch im oben erwähnten Grassi-Museum ist zu empfehlen. www.grassimuseum.de

Historisches Bild, Quelle: Wikipedia.de, Hermann Walter (1838-1909) – Stadtgeschichtliches Museum Leipzig

Karte wird geladen - bitte warten...

Wo ist nur der Luther hin? Der Johannisplatz und seine einstige Bebauung. 51.336772, 12.387857 Johannisplatz, Leipzig, Deutschland (Routenplaner)