Der Blick auf das Neue Rathaus, auf die von einem imposanten Burgturm überragte Südwestfassade, ist mir gut bekannt: Meine Fakultät befindet sich direkt gegenüber, auf der anderen Seite des Martin-Luther-Rings, wie der Innenstadtring an dieser Seite heißt. Die Benennung nach dem großen Reformator erfolgte nicht ohne Hintergedanken: Schließlich fand in der Pleißenburg, dem Vorgängerbau des Neuen Rathauses, die sogenannte Leipziger Disputation statt.

Es war im Jahre 1519. Luthers Thesenveröffentlichung lag knapp zwei Jahre zurück. Eigentlich war es Luthers Mitstreiter Andreas von Karlstadt, der vom papsttreuen Ingolstädter Theologen Johannes Eck zu einer Disputation über den Ablasshandel herausgefordert worden war. Als jedoch zudem eine Grundsatzdiskussion über die päpstliche Autorität und deren Ableitung aus der Heiligen Schrift auf die Tagesordnung rückte, wollte sich auch Luther einbringen. So kam es zum dreiwöchigen Schlagabtausch. Im Mittelpunkt stand der Streit zwischen Luther und Eck, ob das päpstliche Primat von Gott eingesetzt oder lediglich eine menschliche Erfindung sei. Insbesondere die Ablehnung der These, dass der Papstgehorsam heilsnotwendig sei, lag Luther dabei am Herzen.

Der Leipziger Kirchengeschichtsprofessor Armin Kohnle bezeichnet die Leipziger Disputation als »wichtigsten Beitrag der Stadt zu dem großen reformatorischen Aufbruch«, der sich im Laufe der nächsten Jahre von Mitteldeutschland aus in alle Himmelsrichtungen ausbreiten sollte. »Auf dem Weg zur Herausbildung von Luthers reformatorischer Theologie war sie eine wichtige Etappe. Hier präzisierte er sein Verständnis des Verhältnisses von Schriftautorität und kirchlicher Tradition.«

Seit dem 16. Jahrhundert hat sich nicht nur theologisch und kirchenpolitisch so einiges getan, auch das Stadtbild Leipzigs hat sich beträchtlich verändert. So musste die Pleißenburg dem im Stil des Historismus errichteten Neuen Rathaus weichen, das seit 1905 Sitz der Leipziger Stadtverwaltung ist. Mit fast 600 Räumen ist es der größte Rathausbau Deutschlands und verfügt zudem über den mit 115 Metern höchsten Turm seiner Art. Dessen Silhouette gestaltete der Architekt in Anlehnung an den Bergfried der Pleißenburg, der das Stadtbild Leipzig über viele Jahrhunderte hinweg geprägt hat und dies so auch heute noch vermag.

Gut zu wissen

Neues Rathaus, Martin-Luther-Ring 4-6, 04109 Leipzig. Tel. +49 (0)341 1232241. Tipp: An der südwestlichen Ecke befindet sich das Goerdeler-Denkmal, das an den Widerstand des damaligen Bürgermeisters in den 1930er Jahren erinnert. Anreise: Haltestelle Neues Rathaus, Straßenbahn (Linien 2,8,9).

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Wo einst die reformatorischen Fetzen flogen: Das Neue Rathaus 51.336041, 12.372108 Martin-Luther-Ring 4-6, 04109, Leipzig, Deutschland (Routenplaner)