850 Jahre Baugeschichte haben ihre Spuren an der Nikolaikirche hinterlassen. Von der Romanik über die Spätgotik bis zum Barock ist außen alles zu finden. Doch charakteristisch für die Nikolaikirche ist ihre Innenarchitektur im Klassizismus – ein Baustil, der völlig anders ist als das äußere Erscheinungsbild der Kirche. Wenn man die schwere Holztüre am Portal öffnet, dann findet man dahinter zunächst zwei kleine, lichte Vorhallen. Es lohnt sich hier einen Schritt zur Seite zu treten und die schmucken Räume zu betrachten.

Nach einer gläsernen Schwingtür öffnet sich dann das einzigartige Kirchenschiff der Nikolaikirche. Um es in allen seinen Details wahrnehmen zu können, braucht man eine Weile: Palmbäume tragen das Deckengewölbe, welches von kunstvoll gestalteten Kassetten überzogen ist. Und auf der Westempore erstreckt sich eine gewaltige Orgel. Viele der Werke von Johann Sebastian Bach (1685-1750) wurden hier übrigens uraufgeführt und seine Amtseinführung fand 1723 in der Nikolaikirche statt.

Unter dem Dach der Kirche konnten sich in den Achtziger Jahren DDR-Bürger versammeln, die nach Reisefreiheit strebten oder sich demokratisch an der Gestaltung ihres Landes beteiligen wollten. Die Nikolaikirche war offen für politischen Austausch, offen für Jugendgruppen außerhalb der FDJ, offen für alle. Und so war es 200 Jahre zuvor beinahe prophetisch, dass mit der klassizistischen Umgestaltung 1784 bis 1797 ein ebenerdiger Eingang geschaffen wurde und der Maler Adam Friedrich Öser (1717-1799) ein Bild zum Bund des Friedens über den Altar gesetzt hat.

Wie kein zweites Gebäude in Leipzig steht die Nikolaikirche für die Friedliche Revolution im Herbst 1989. Mit den wöchentlichen Friedensgebeten wurde sie Ausgangspunkt für die Montagsdemonstrationen auf dem Leipziger Ring. Diese Friedensgebete gibt es übrigens heute noch und seit Januar 2015 werden sie wieder stärker besucht. Auch ich nutze sie gerne zur persönlichen Besinnung vor einer der vielen Demonstrationen, die Leipzig seit 2015 wieder prägen. Bis heute sind die Themen »Freiheit« und »Frieden« fest in der symbolischen Ausstattung der Kirche verankert. Im Mittelgang steht der Osterlichtbaum »Gesprengte Fesseln« in Erinnerung an die Friedliche Revolution. Und im Altarraum erinnert ein Nagelkreuz von Coventry daran, dass aus der Abwesenheit von Waffen und Gewalt erst durch Versöhnung Frieden werden kann.

Gut zu wissen

Nikolaikirche, Nikolaikirchhof, 04109 Leipzig, www.nikolaikirche.de. Öffnungszeiten: Mo. – Sa. 10 bis 18 Uhr, So. 10 bis 16 Uhr. Zu Gottesdiensten und Konzerten keine Besichtigung möglich. Alle Termine, auch für Führungen, auf der Webseite. Anreise: Haltestelle Augustusplatz.

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Ein klassizistischer Raum, offen für alle – die Nikolaikirche 51.340320, 12.378489 Nikolaikirche Leipzig, Nikolaikirchhof, Leipzig, Deutschland (Routenplaner)