Als Kind habe ich den Augustusplatz (damals Karl-Marx-Platz) in Leipzig einfach nur als riesigen Parkplatz wahrgenommen. Auch wollte sich mir seine praktische Nähe zur Innenstadt nicht so recht erschließen, da ich dorthin gefühlte Ewigkeiten an geparkten Trabbis entlanglaufen musste. So funktional-nüchtern wie der ganze Platz wirkte auch das Hauptgebäude der Karl-Marx-Universität an seiner Westseite – ein typisch sozialistischer Betonbau, von dem ein riesiger Karl-Marx-Kopf im Bronzerelief auf die Trabbireihen herunterschaute.

Um diesem Bau und seinen sozialistischen Aufgaben Platz zu machen, wurden 1968 auf Betreiben der Universität und nach Beschluss der SED-Stadtverwaltung – und gegen alles Gegenwirken aus der Bevölkerung – die vormaligen historischen Gebäude gesprengt: die gotische Universitätskirche St. Pauli, die völlig unbeschadet den Zweiten Weltkrieg überstanden hatte, und mit ihr das beschädigte Augusteum.

Die Universitätskirche St. Pauli war als Klosterkirche St. Pauli ursprünglich Gotteshaus eines Dominikanerklosters und 1240 geweiht worden. Sie wurde volkstümlich »Paulinerkirche« genannt, nach den regional auch »Pauliner« genannten Dominikanern. Im Zuge der Reformation wurde das Kloster aufgelöst und 1543 mit allen Gebäuden der Universität Leipzig übereignet. Auch zuvor hatte die Kirche bereits als Auditorium maximum, als Promotionsort, als Ort für Gottesdienste und Begräbnisstätte für Universitätsprofessoren gedient. Die Universität wurde 1409 gegründet, ständig erweitert und erhielt nun umfänglichen Raum für Lehren, Wohnen, Wirtschaften und die durch Klosterbestände ergänzte Bibliothek. 1545 wurde die Paulinerkirche von Martin Luther als evangelische Universitätskirche geweiht.

Heute, nachdem auch der DDR-Bau ausgedient hat, steht an der Stelle das »Paulinum – Aula und Universitätskirche St. Pauli«. Lang der Name, schwierig der Weg dahin: Jahrelange Streitigkeiten für und gegen den Wiederaufbau des alten Ensembles endeten zugunsten der Anforderungen der Universität an moderne Räume für Lehre und Forschung, ebenso wurden Name und Nutzungshoheit nach universitärer Maßgabe entschieden. Nun gilt der Bau gemeinhin als gelungen, erinnert als eine Art freies Zitat an die einstige Paulinerkirche und wird nach wie vor geistig und geistlich genutzt.

Gut zu wissen

Paulinum – Aula und Universitätskirche St. Pauli, Augustusplatz 10, 04109 Leipzig. Campus-Rundgänge finden samstags 11 Uhr statt, Treffpunkt ohne Voranmeldung am Info-Punkt im Neuen Augusteum, www.zv.uni-leipzig.de. Anreise: Haltestelle Augustusplatz, Bus (Linien 4, 7, 10, 11, 12, 15, 16).

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Paulinum – Aula und Universitätskirche St. Pauli – langer Name, lange Geschichte 51.338574, 12.378461 http://scottyscout.com/leipzig/paulinum-universitaetskirche-st-pauli/Universität Leipzig, Augustusplatz 10, 04109, Leipzig, Deutschland (Routenplaner)