Geist und Wahn haben Spuren hinterlassen: Im Leipziger Psychiatriemuseum erfährt man vom kranken Woyzeck, der stigmatisierten Mundartdichterin Lene Voigt und dem berühmten nervenkranken Sohn des Namensgebers der Kleingartenbewegung Moritz Schreber. »Woyzeck! Er kommt ins Narrenhaus. Er hat eine schöne fixe Idee«: Der Fall wurde durch Georg Büchners Dramenfragment »Woyzeck« legendär. Der verwirrte Perückenmacher, der eifersüchtig seine Amour fou ersticht und von Stimmen und Geistern heimgesucht wird. Wahrscheinlich ist das Schicksal des Johann Christian Woyzeck (1780–1824) am ehesten als das eines an den Wirren der Napoleonischen Kriege beteiligten, traumatisierten Soldaten zu verstehen. Trotz Hinweisen auf eine psychische Erkrankung wurde Woyzeck bei der letzten öffentlichen Leipziger Hinrichtung enthauptet. Sein Tod bildet einen traurigen Markstein in der intensiven Verbindung, die Leipzig mit dem Interesse an der Psyche pflegt.

Denn wenn man es übersteigert mag – so wie ich – kann man sagen, dass die Psychologie in Leipzig erfunden wurde. An der hiesigen Universität wurde der weltweit erste Lehrstuhl für »psychische Therapie« eingerichtet. Den praktizierenden Nervenarzt Paul Julius Möbius (1853–1907) nannte Freud einen der Väter der Psychotherapie. Möbius legte aber mit seinen Hinweisen auf Störungen, die auf »degenerativer Entartung« beruhten, Grundsteine für die Eugenik-Politik der Nationalsozialisten, die auch im ehemaligen Parkkrankenhaus in Leipzig-Dösen mordend praktiziert wurde, wo mindestens 551 Kinder und Jugendliche getötet wurden.

Nach der politischen Wende machten Selbsthilfegruppen auf die politische Indienstnahme der Psychiatrie auch in der DDR aufmerksam. Aus dieser Bewegung entwickelte sich das Sächsische Psychiatriemuseum, das die hier angerissenen Episoden und noch viel mehr verhandelt. Viele Aspekte der Seelenkunde und -qual sowie des Missbrauchs werden in diesem erstaunlichen Museum vereinigt. Mich beeindruckt an dem Integrationsprojekt besonders die Zusammenführung von Wissenschaftsgeschichte und der Perspektive von Betroffenen. Denn diese werden nicht gegeneinander ausgespielt, sondern fügen sich zum hoch informativen Gesamtbild.

Gut zu wissen

Sächsisches Psychiatriemuseum, Mainzer Straße 7, 04109 Leipzig, www.psychiatriemuseum.de, Tel. +49 (0)341 1406140. Öffnungszeiten: Mi. – Sa. 13 bis 18 Uhr. Anreise: Haltestelle Marschnerstraße, Straßenbahn (Linien 1, 2, 14).

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Geist und Wahn in Leipzig – das Psychiatriemuseum 51.336648, 12.355162 Mainzer Straße 7, Leipzig, Deutschland (Routenplaner)