Als mit der »Shredderei« Leipzigs erste und wahrscheinlich bis heute einzige Manufaktur für Longboards im Tapetenwerk eröffnete, war das in mehrfacher Hinsicht mit guten Nachrichten verbunden: Von den sympathischen Betreibern lernte ich, dass man nie zu alt ist, um das Longboarden zu erlernen. Nach dem Gebäudeensemble aus alter industrieller Zeit, das sich die Rollbegeisterten für ihre Kombination aus Herstellung und Verkauf von Longboards mit dem Betrieb eines Cafés gesucht hatten, krähten da noch nicht viele Hähne.

Dabei war die dort ansässige Kantine zu dem Zeitpunkt – Ende 2011 – schon ein Geheimtipp für die gute wie abwechslungsreiche Verköstigung in der Mittagspause. Es lässt sich aus dem Namen erraten, dass auf dem Gelände des Tapetenwerks einst Wandbekleidung hergestellt wurde. 1873 als Tapetenfabrik R. Langhammer gegründet, wurde hier nach dem Zweiten Weltkrieg als VEB Tapetenwerk Leipzig und dann als Leipziger Tapeten GmbH bis 2006 Kontinuität gewahrt – zuletzt wurden wohl auch Platzdeckchen für die Lufthansa hergestellt. Nach dem Verkauf 2007 eröffnete das Tapetenfest 1.0 das heutige Nutzungskonzept für die acht Hallengebäude und Kontorhäuser in Industriearchitektur der Gründerzeit.

Zu diesem Zeitpunkt ahnte niemand etwas von einem Hype, der um die Messestadt entstehen könnte, vielmehr sah man weiteren Schrumpfungsszenarien entgegen. Dafür galt Leipzig als Eldorado der Kreativen, die gleichzeitig dabei helfen könnten, den Leerstand zu minimieren. Gemeinschaftliches Arbeiten und Wohnen und schrittweise Sanierung bildeten ein Konzept, das tragfähiger klang als der Ausbau zu Luxuswohnungen, zumal an einer wie der Lützner Straße, die weniger für ihren Glamour bekannt ist. Eingezogen sind Büro- und Journalistengemeinschaften, eine Buchdruckerei, Architekten und Landschaftsplaner, Ateliers für bildende Künstler und Galerien, eine Buchbinderei, Fotografen, ein Goldschmied, Grafik- und Mediendesigner, eine Schuhmacherin, ein Modelabel, eine Filmproduktion, eine Castingagentur – diese Aufzählung erhebt nicht annähernd den Anspruch der Vollständigkeit. Das Tapetenwerkfest findet immer noch statt, Ausgabe 18.0 wurde im Herbst 2015 absolviert. Jeden Frühling und Herbst findet auf dem Gelände ein Rundgang statt. Und vor der Shredderei rollen nach wie vor die Bretter.

Gut zu wissen

Tapetenwerk, Lützner Straße 91, 04117 Leipzig, www.tapetenwerk.de. Für Leib und Seele sorgt wochentags von 12 bis 16 Uhr die »Kantine 3«. Öffnungszeiten Café der »Shredderei«: Di. – Fr. 11 bis 19 Uhr, Sa. 13 bis 19 Uhr. Anreise: Haltestelle Henriettenstraße, Straßenbahn (Linien 8, 15).

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Das Tapetenwerk – zwischen Werkstätten und Wohnungen, Galerien und Gastronomie 51.333943, 12.325446 Lützner Straße 91, Leipzig, Deutschland (Routenplaner)