Johann Sebastian Bach und der Thomanerchor – die Bedeutsamkeit der Thomaskirche steht außer Zweifel. Wer einmal hinter die Kulissen dieses bemerkenswerten Ortes schauen will, dem sei eine Turmbesichtigung ans Herz gelegt. Erklimmt man die 232 Stufen, so begibt man sich gleichzeitig auf eine Reise durch die Stadtgeschichte Leipzigs. Im unteren der drei von außen gut zu unterscheidenden Turmteile, der aus dem 13. Jahrhundert stammt, findet sich ein »Graffiti« eines sächsischen Fußartilleristen: Während ihrer Besetzung Leipzigs ab 1806 benutzten Napoleonische Truppen die Thomaskirche als Waffenlager, besagter Turmraum diente als Wachstube.

Weiter geht es hinein in den Dachstuhl, der zu 70 Prozent im Original erhalten ist. Die geschickte Behandlung des aus dem Vogtland stammenden Holzes vor dem Einbau entzog die Zellulose, die Balken verloren somit ihre Attraktivität für Holzwürmer und bis heute erübrigt sich der Einsatz von Holzschutzmitteln. Mit einem Neigungswinkel von 62° besitzt die Thomaskirche nicht nur eines der steilsten Kirchendächer in Deutschland, vielmehr ergibt sich hieraus auch ein praktischer Nutzen: Ab einer Höhe von 5 Zentimetern rutscht der Schnee von selbst ab und stellt somit keine Gefahr dar – weder für die Statik des Daches noch für Menschen unten auf dem Kirchhof. Den Bomben der Alliierten im Zweiten Weltkrieg konnte das Kirchenschiff jedoch nicht standhalten, die im 16. Jahrhundert aufgesetzte Turmhaube wurde gar auf den Kirchplatz geschleudert. Sowohl von Bombentreffern als auch von Einschmelzung verschont blieb dagegen das Geläut.

Im zweiten Bauabschnitt, einem achteckigen Aufbau aus dem 14. Jahrhundert, befindet sich die Türmerwohnung. Bis 1917 lebte hier der Türmer mit seiner Familie. Alle 15 Minuten hatte er die Stundenglocke zu läuten und nach Feuer Ausschau zu halten – klingt nach einer fragwürdigen Work-Life-Balance. Auf dem Galerieumgang in 50 Metern Höhe angekommen, entdeckt der heutige Besucher in den seltensten Fällen ein Feuer. Dafür bietet sich eine überwältigende Aussicht über die gesamte Leipziger Tieflandbucht. Spätestens hier beantworten die Turmführer bereitwillig alle Fragen. Jeder der insgesamt 12 ehrenamtlichen Führerinnen und Führer der Kirchgemeinde St. Thomas verleiht dem Rundgang eine persönliche Note: Meine Freundin war schon viermal auf dem Turm und jedes Mal gab es etwas Neues.

Gut zu wissen

Thomaskirche, Thomaskirchhof 18, 04109 Leipzig, www.thomaskirche.org, Tel. +49 (0)341 22224100. Turmführungen von April bis November, samstags 13 Uhr, 14 Uhr und 16.30 Uhr; sonntags 14 Uhr und 15 Uhr. Dauer ca. eine Stunde, 2€, Kinder bis 12 Jahren frei. Anreise: Haltestelle Thomaskirche, Straßenbahn (Linie 9).

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Ein Blick hinter historische Kulissen – eine Führung durch den Turm der Thomaskirche 51.339145, 12.372322 Thomaskirchhof 18, Leipzig, Deutschland (Routenplaner)