Ein krachendes Donnern hallt durch die alten Mauern, in der Ferne schneidet sich ein gezackter Lichtstrahl durch die schwarzen Wolken. Wir sitzen unter einem kleinen schützenden Vorsprung. Die Rücken lehnen an der großen Stahltür, die Arme sind um die angewinkelten Beine geschlungen. Der Wind wird immer heftiger und bläst den Regen mittlerweile bis kurz vor unsere Füße. Der Schal über den Schultern verspricht leider nicht die erhoffte Wärme und allmählich wird es hier oben kalt und ungemütlich. So hatten wir uns unseren Sonntagabend nicht vorgestellt. Wir waren bereits auf dem Heimweg, als sich die ersten Zeichen des Gewitters ankündigten. Und doch reizte die Idee, sich das Spektakel aus der Höhe anzuschauen. Da ist ja auch gleich was um die Ecke. Und das Unwetter? Bestimmt bald vorbei. Denkste.

Mein erster Besuch am Völkerschlachtdenkmal war nass, kalt und unfreiwillig lang. Und dennoch möchte ich die Nacht nicht missen, in der ich auf einer der geschichtsträchtigen 364 Steinstufen gesessen habe. In der Dunkelheit einer Gewitternacht zeigt sich der kolossale Tempel für Tod und Freiheit in Europa noch mystischer und kraftvoller als bei Tag. Wie ein mahnender Wächter steht das rund 90 Meter hohe Monument fest verwurzelt auf der Erde, spürbar mit einer gewaltigen Geschichte verbunden: Der ersten großen Massenschlacht der Menschheitsgeschichte. Mehr als eine halbe Million europäischer Soldaten standen sich im Oktober 1813 auf den Schlachtfeldern um Leipzig gegenüber, von denen mehr als 110.000 während der blutigen Kämpfe ihr Leben verloren haben oder in den Folgejahren durch Hunger und Seuchen starben. Dank engagierter Bürger wurde das Völkerschlachtdenkmal von 1898 bis 1913 erbaut.

Die Mystik des Ortes zeigt sich auch im Inneren: Mantrenähnliche Klänge ziehen sich durch die offenen Stockwerke, von denen aus man einen durchgehenden Blick bis zur Dachkuppel hat. Meterhohe Steinfiguren umsäumen die Ebenen. Stolz thronen sie auf ihren Sockeln und scheinen das Monument zu bewachen – mehr noch, die Besucher aus den Augenwinkeln zu beobachten. Man selbst mag sich ihrer Anwesenheit nicht so schnell entziehen und verharrt am besten einen Moment lang auf einer der Bänke. Und lauscht. Hier drinnen, im Trockenen, kann man gut eine Weile bleiben und Geschichte auf sich wirken lassen.

Gut zu wissen

Völkerschlachtdenkmal, Straße des 18. Oktober 100, 04299 Leipzig, www.voelkerschlachtdenkmal-leipzig.de, Tel. +49 (0)341 2416870. Öffnungszeiten: April bis Oktober, Mo. – So. 10 bis 18 Uhr; November bis März: Mo. – So. 10 bis 16 Uhr. Führungen: Do. 14 Uhr (Anmeldung erforderlich). Anreise: Haltestelle Völkerschlachtdenkmal, S-Bahn (Linien S1, S4), Straßenbahn (Linien 2, 15).

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Das Völkerschlachtdenkmal 51.312371, 12.413292 Völkerschlachtdenkmal, Leipzig, Deutschland (Routenplaner)