Als ich zum ersten Mal in Kostrzyn war, acht Jahre ist das her, fand ich die Festung nicht. Ich hatte Besuch, wir machten einen Ausflug durch die Region und hielten spontan an, weil ich wusste, hier gibt es etwas anzugucken. Das polnische Wort für Festung (twierdza) fiel mir nicht ein, also fragte ich nach der Altstadt (stare miasto). Damit konnten die Leute nichts anfangen. Jemand schickte uns schließlich in eine Richtung, aber in dieser seltsamen Stadt aus Wohnblöcken, Grasflächen und Tankstellen zwischen zwei verhältnismäßig großen Flüssen irrten wir nur umher. Erst als wir müde aufgaben und über eine kleine Brücke fuhren, blickten wir auf rote Festungsmauern, die sich aus einem Wassergraben erhoben.

Die gewaltigen Mauern sind von außen das Sichtbarste, was vom alten Küstrin übrig geblieben ist. 1536 wurde es zur Festung und ist 1945 beim Sturm auf Berlin untergegangen. Die Ruinenstadt dahinter ist kaum zu erahnen, von der Stadtseite her versperrt ausgerechnet der massive Bau des Hotels »Bastion« die Sicht. Dahinter eröffnet sich ein Pompeji. Man spaziert die alte »Schulstraße« entlang, von der nur das Straßenpflaster und ein paar abgebrochene Treppeneingänge übrig geblieben sind, vorbei an überwucherten Schutthaufen und Kellerlöchern, die Reste des Altarraums der Marienkirche passierend, steht man plötzlich auf einem »Schlossplatz« ohne Schloss. Auf dem kurz gemähten zentralen Platz steht der alte Sockel eines Denkmals von Johann von Küstrin, dessen verwitterte Inschrift kaum zu entziffern ist. Kaum irgendwo bekommt man so deutlich den Tod einer Stadt vor Augen geführt.

Und mir schwant, warum die heutige, polnisch wiedergeborene Stadt diese Ruinenlandschaft aus dem Zweiten Weltkrieg optisch so gut von sich abgeschirmt hat — trotzdem die Kostrzyner stolz sind auf ihre preußische Festung. Die Stadtverwaltung plant neben den bisherigen erhaltenden Maßnahmen sogar eine Rekonstruktion der »Altstadt«. Ob man dann noch etwas vom ersten Lebenszyklus dieser Stadt erahnen kann, ist fraglich. Aber vermutlich werden bis dahin noch viele Jahre vergehen, denn das alte Küstrin muss zunächst erforscht und ausgegraben werden. Stetig sind Archäologen damit beschäftigt, neue unterirdische Gänge und Bauwerke oder verschüttete Fundstücke auszugraben. Solange hier nichts historisch Rekonstruiertes steht, erkunde ich die frei zugänglichen Ruinen. Die Festung Küstrin (Twierdza Kostrzyn) liegt zwischen Oder und Warthe, nach dem Überqueren der Oderbrücke gleich rechts.

Gut zu wissen

Bilder und Informationen zum alten Küstrin im Berliner Tor (Muzeum Twierdzy Kostrzyn) am Rande des Festungsgeländes, ul. Graniczna 1 (neben dem früheren Grenzübergang). Geöffnet: Di. – Fr. 9 bis 16 Uhr, Sa. Und So. 10 bis 16 Uhr. Videoprojekt Oder Läufe: Ein Festungswächter. Anreise: Bahnhof Küstrin Kiez (Regionalbahn), Fußweg 1 km.

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Pompeji an der Oder – die Festung Küstrin 52.580951, 14.636196 Twierdza Kostrzyn, Graniczna, Kostrzyn nad Odrą, Polen (Routenplaner)