von Gastautor Klaus Scherer

Wer im Görlitzer Süden mit dem Rad oder zu Fuß in nördliche Richtung auf dem Oder-Neiße-Radwanderweg in das bewaldete, trichterförmige Neißetal eintaucht, unterquert den imposanten Neißeviadukt, eine Bahntrasse von Görlitz ins benachbarte Zgorzelec. Circa 200 Meter weiter führt mich der Weg direkt an ein Ensemble aus vier mehrstöckigen Häusern, das zusammen einen Komplex mit Industriecharakter aus dem 19. Jh. bildet. Was hat es mit der Hausbrücke auf sich? Was mit der kleinen Staustufe und den auf der Neißeinsel gelegenen Häusern dahinter?

Wo Wasserkraft genutzt wird, drehen sich Räder! Richtig. Bereits 1305 wird an dieser Stelle eine »Obermühle“, das heißt ein Vorgängerbau für das Mahlen von Getreide, urkundlich erwähnt. Heute wird anstelle von Mehl Strom aus Wasserkraft erzeugt und eine Brauereigaststätte familiär zu 100% mit diesem Strom betrieben. Der Betrieb arbeitet nach den Nachhaltigkeitsprinzipien der Bio- und Slow-Food- und Farm-To-Table-Wirtschaftsweise. So werden zum Beispiel im nahe gelegenen Leuba, auf Großvater’s Streuobstwiesen, so seltene wie wenig bekannte Apfelsorten wie Croncels, Kaiser Wilhelm, Jakob Lebel, aber auch Gelber Boskoop angebaut, aus denen dann das Apfelmus gemacht wird, das zu den »Plinsen« genannten Eierkuchen serviert wird.

Selbst gebackenes Brot, selbst gefertigte Teigwaren und selbst gebrautes Bier darf ich hier ganz neugierig genießen. Nach wenigen Stufen hinab durch das halbdunkle Gewölbe, sitze ich an einem verregneten Novembertag am Eichentisch bei Kerzenschein und dezenten Jazzklängen mit Blick auf die Neiße und den Viadukt bei einem »Ghost«. Spuken tut es hier nicht, zumindest nicht in meiner Gegenwart, aber das dunkle Selbstgebraute schmeckt ganz natürlich nach Gerste und Malz. Schön, dass ich gerade hier bin!

Das Ensemble steht unter Denkmalschutz. Archäologen der Postmoderne finden auf dieser westlichen Talseite Reste von in den Hang gebauten Häusern. Der zum Radweg parallel verlaufende Wirtschaftsweg in Richtung Innenstadt ist gepflastert mit Granit- und Basaltklötzchen, und führt vorbei an der altehrwürdigen »Appretur Kaiserbrecht«, einer wiederbelebten Produktionsstätte für Industriemöbel im frühen 20. Jahrhundert. Ein Blick auf den Neißeinsel-Biergarten lässt erahnen, dass hier bereits in den 1920er-Jahren viele Görlitzer einen erholsamen Sonntagnachmittag bei Kaffee, Kuchen und Tanz verbracht haben.

Gut zu wissen

Obermühle Görlitz, An der Obermühle 5, 02826 Görlitz, www.obermuehle-goerlitz.de. Neben dem Restaurantbetrieb befindet sich in der Obermühle auch eine Hotelpension mit gemütlichen Zimmern. Außerdem befindet sich im Haus ein Bootsverleih – so können Gäste die Neiße von einer ganz anderen Seite aus erkunden.
Anreise: Die Mühle kann über den Abzweig von der Dr.-Kahlbaum-Allee in Görlitz erreicht werden, die nächstliegenden Bushaltestellen sind die Haltepunkte Blumenstraße (Buslinien A und D) und Emmerichstraße (Buslinie B)

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Ein »Ghost« in der Obermühle Görlitz 51.143710, 14.994621 An der Obermühle 5, 02826 Görlitz (Routenplaner)