von Gastautorin Sonja Heyer

Sonja Heyer ist Klang-Künstlerin. Sie realisiert 2017 im Rahmen der Weltausstellung der Reformation eine mehrmonatige Klanginstallation in Lutherstadt Wittenberg:

Quadrophonie vor dem Rathaus: Ich umlaufe den großen Brunnen auf dem Wittenberger Markt. Zu vier Seiten sprudelt aus ihm Frischwasser und die Gebäude des alten Marktes werfen mit jedem Schritt ein anderes Echo. Es lohnt sich, die Stadt mit den Ohren zu erkunden, denn seit über 450 Jahren fließt Wasser aus der Quelle bei Trajuhn in die Stadt und überall, wo einst ein Bürgerhaus eine »Portion« erhielt, steht heute ein Brunnen.

Wittenberg erlangte bereits 1293 das Stadtrecht. 1502 lässt Friedrich der Weise die erste nicht von der Kirche getragene, humanistisch orientierte Universität gründen. Diese zieht neben Martin Luther auch Philipp Melanchthon an. Nach Besuch des Eine-Welt-Ladens am Kirchplatz höre ich aus dem dahinter liegenden Hof der Stadtkirche Sankt Marien ein regelmäßiges »plopp, plopp…«. Zwei Röhrwasserbrunnen erzeugen eine Stereophonie.

Luthers 95 Thesen werden 1517 in Wittenberg veröffentlicht. Philipp Melanchthon wird sein Mitstreiter. So wird Wittenberg zum Zentrum der Reformationsbewegung und Melanchthon, der die erste Lutherbibel Korrektur liest, zum »Lehrer Deutschlands«. Die Stadt erlebt durch ihre vielen Gewerke einen wirtschaftlichen Aufschwung. Bis 1532 verdoppelt sich die Bevölkerungszahl auf 4.500 Bürger. Und die brauchen Wasser.

»Glugger, glugger…«, das Geräusch des Brunnens im Altstadthof dringt bis zur Mittelstraße. Das Wittenberger Röhrwasser ist von Beginn an eine Geschichte von Bürgersinn und demokratischem Nutzen. Bürger wie der Maler Lucas Cranach d. J. und der Buchmacher Hans Lufft investieren in den Bau. Sieben Gewerke schließen sich zu einer Gewerkschaft zusammen und verlegen eine 2,7 Kilometer lange Holzröhre von Trajuhn nach Wittenberg. 1558 gibt es die ersten sieben Frischwasserzugänge in der Stadt. Eine freie »Portion« geht an Philipp Melanchthon und die Universität. Ein zukunftsträchtiges Modell: 1890 gibt es 21 Röhrwasser.

Heute ist das Röhrwassersystem ein technisches Baudenkmal und das einzig noch funktionierende seiner Art nördlich der Alpen. Erlauschen lassen sich die Brunnen zum Beispiel in der Collegienstr. 81, auf dem Holzmarkt, in der Bürgermeisterstraße oder im Beyerhof.

Gut zu wissen

Röhrwasserbrunnen, 06886 Lutherstadt Wittenberg, www.stadtwerke.wittenberg.de/geschaeftsfelder/wasser/roehrwasser.html. Weitere Informationen gibt es bei der Tourist-Information am Schlossplatz 2. Die Brunnen sind in der ganzen Stadt verteilt und teilweise öffentlich zugänglich. Anreise: Bahnhof Lutherstadt Wittenberg von dort weiter zu Fuß in die Altstadt.

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Es tropft und rauscht, es gluggert und fließt – das Röhrwasser von Lutherstadt Wittenberg 51.866027, 12.645774 Holzmarkt, 06886 Lutherstadt Wittenberg (Routenplaner)