Als Herzog Moritz von Sachsen 1543 seine »neue Landesordnung« für Sachsen erließ, verfügte er auch die Eröffnung von drei neuen Schulen in seinem Herrschaftsgebiet. Eine davon wurde in Meißen, in dem 1539 im Zuge der Reformation aufgelösten Augustiner-Stift St. Afra gegründet.

Die Stiftung der fürstlichen Schulen in Meißen, Grimma und Schulpforta war eine weitsichtige und kostenneutrale Entscheidung des Regenten. Das Bildungs-Kapital stammte aus dem konfiszierten Kirchenvermögen. Viel wichtiger war aber, dass die Schulen von nun an unter Kontrolle der weltlichen Herrschaft standen und in deren Sinne arbeiteten. In der Stiftungsurkunde von St. Afra steht auch warum: »Damit es mit der Zeit an Kirchendienern … nicht Mangel gewinne.« Sachsen brauchte theologischen Nachwuchs, der die lutherische Lehre im Sinne des Kurfürsten verbreiten und erklären konnte.

In St. Afra in Meißen und den anderen Schulen konnten nicht nur die Söhne der Adligen studieren. Auch mittellose, begabte Kinder aus dem Bürgertum wurden auf Landeskosten im Sinne des evangelischen Glaubens und des Humanismus erzogen. Ein bekannter Schulabgänger aus St. Afra war 1746 der Dichter Gotthold Ephraim Lessing, dessen Dramen und theoretischen Schriften vor allem der Aufklärung und Toleranz verpflichtet waren.

Heute ist St. Afra ein Gymnasium für Hochbegabtenförderung mit angeschlossenem Internat. Das weiße Schulgebäude auf dem Meißner Burgberg ist umschlossen von hohen Mauern und wirkt von außen wie eine »Insel der Bildung«. Schüler und Lehrer engagieren sich mit vielen Projekten in der Stadt Meißen, um diesem Eindruck entgegen zu wirken.

Auch ich kann aus eigener Erfahrung sagen, dass Lernen in den historischen Mauern Spass macht. Als ich hier in den 1990er Jahren mein Abitur ablegte, teilte sich das »normale« St. Afra Gymnasium die Räume mit einer Verwaltungsfachschule und die Lehrer suchten den Spagat zwischen sozialistischem Lehrplan und bundesdeutscher Bildungspolitik. Doch nicht alles hat sich seitdem geändert: Der Brunnen und die Linde im Innenhof stehen noch an ihrem Platz. Und auch Emanuel Kants Programmwort zur Aufklärung am Südportal: »Sapere aude«, wage zu wissen! Das funktioniert in St. Afra nun schon seit mehr als vier Jahrhunderten, auch wenn der Bildungsträger immer mal wieder gewechselt hat.

Gut zu wissen

Sächsisches Landesgymnasium St. Afra, Freiheit 13, 01662 Meißen, www.sankt-afra.de. Der Zugang zur Schule ist begrenzt, ein Rundgang durch die Gassen rund um das Areal vermittelt jedoch einen guten Eindruck vom Areal. Anreise: Bahnhof Meißen Altstadt, S-Bahn (Linie S1), von dort quer durch die Altstadt Richtung Albrechtsburg.

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St. Afra - Sächsische Bildungspolitik in vier Jahrhunderten 51.163778, 13.468333 Freiheit 13, 01662, Meißen, Deutschland (Routenplaner)