von Gastautorin Lony Lischewsky

Im Jahr 1977 zog Lony Lischewsky zu ihrem zukünftigen Mann aus dem Märkischen Müncheberg nach Vetschau in den Spreewald. Als Filialleiterin des Haushaltswarenladens und Pfarrfrau in Personalunion war sie immer am Puls der Gemeindemitglieder:

Bis ins 17. Jahrhundert war das Gebiet um Vetschau in der brandenburgischen Niederlausitz vorrangig von Wenden bewohnt. In der Mitte der Stadt stand die gemeinsame Kirche der Stadt Vetschau und der umliegenden wendischen Dörfer. Im Jahr 1540 wurde die Kirche evangelisch – die ehemaligen Schlossbesitzer von Schlieben gaben das entsprechend den damaligen Herrschaftsrechten so vor. Die Gottesdienste wurden auf Wendisch abgehalten mit evangelischer Liturgie. Mitte des 17. Jahrhunderts, nach dem Dreißigjährigen Krieg, begann das schrittweise Zurückdrängen der slawischen Kultur in der Region. Zuerst wurde die kleinere Schlosskapelle der von Schlieben an die Nordwand gebaut. Neue Herrscher aus Sachsen gaben dann 1689 den Befehl für den Bau einer »ordentlichen Kirche« in gleichem Ausmaß aber reicher dekoriert an Stelle der kleinen Schlosskapelle. Die Doppelkirche entstand, verbunden durch die Sakristei. Wand an Wand wurden auf der einen Seite die Gottesdienste in Deutsch, auf der anderen in Wendisch abgehalten.

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 war mit dem Wendischen dann ganz Schluss. Und auch zu Zeiten der DDR wurden 1976 beide Gemeinden zusammen gefasst, der wendische Teil der Kirche diente als Rumpelkammer. In den 80er Jahren war hier die Dorfkirche von Pritzen eingelagert, gerettet vor dem Abriss durch den Braunkohletagebau. Der Gottesdienst fand auf Deutsch in der deutschen Kirche statt. Nach der politischen Wende drang mein Mann beim evangelischen Konsistorium Berlin-Brandenburg darauf, einen wendischen Prediger für die Seelsorge der Wenden zu engagieren. Nach dem Auszug der Dorfkirche Pritzen nach Spremberg begannen wir mit einem Förderverein die Wendische Kirche zu sanieren, wir veranstalteten Gottesdienste auf Wendisch. Man konnte sehen, dass der wendische Prediger sofort einen besonderen Bezug zu den Menschen herstellte. Es stellte sich heraus, dass auch die mittlere Generation noch Wendisch verstand. Sie waren ganz euphorisch, die Sprache ihrer Großeltern zu hören. Heute findet einmal im Jahr am Tag des offenen Denkmals ein wendischer Gottesdienst statt und die Doppelkirche ist jeden Tag für Besucher geöffnet.

Gut zu wissen

Wendisch-Deutsche Doppelkirche Vetschau, Kirchplatz, 03266 Vetschau (Spreewald), www.kirche-vetschau.de. Öffnungszeiten: April bis Oktober, 10 bis 12 Uhr und 14 bis 17 Uhr, sonntags 14 bis 17 Uhr, 10 Uhr Gottesdienst in deutscher Sprache. Anreise: Regionalbahnhaltestelle Vetschau (Spreewald), von dort ca. 15 Min. zu Fuß.

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Was ein Gottesdienst in Muttersprache bedeutet – die wendisch-deutsche Doppelkirche in Vetschau 51.783633, 14.072486 Kirchplatz, Vetschau/Spreewald, Deutschland (Routenplaner)