von Gastautorin Katharina von Bora

Ich klopfte an die Tür von Herrn Cranachs Atelier. Er saß hinter seinem riesigen Schreibtisch, überall waren Papiere verstreut. Er ist ein beeindruckender Mann mit einem langen weißen Bart und strengem Blick. Seine Stimme ist ruhig aber voller Autorität. Er bat mich, Platz zu nehmen. In der Ecke stand eine Staffelei und der Raum roch nach Leinöl und Terpentin. Er trug seinen Malerkittel und hatte offensichtlich seine Arbeit für ein paar Minuten unterbrochen.

»Der Doktor war heute Morgen hier. Es ging ihm um dich. Ich muss dir etwas Wichtiges mitteilen. Du musst mir aber versprechen, dass du dir Zeit nimmst, bevor du eine Entscheidung triffst.« Er räusperte sich und stand auf, als ob ihm das, was er gleich sagen würde unangenehm sei und er überlegen musste, wie er es am besten in Worte fasste. Er stand mit dem Rücken zum Fenster, strich über seinen Bart und starrte mich an. Seine Augen waren so stechend!

»Doktor Luther bat mich, dir einen Heiratsantrag von ihm zu überbringen. Ich soll dich mit größtem Respekt fragen, ob du dir vorstellen kannst, seine Frau zu werden. Ich muss zugeben, dass ich noch nie stellvertretend einen Heiratsantrag überbracht habe, aber es scheint so, als fühlt er sich unfähig, es selbst du tun. Ich bin sozusagen sein Bevollmächtigter in dieser Sache. Wie ich sagte, rate ich dazu, dir die Zeit zu nehmen, die du brauchst, um nicht in etwas hineinzurutschen, das du nachher bereust. Überlege es dir, bete und besprich es mit meiner Frau. Letztendlich ist es deine eigene Entscheidung, deine ganz allein.

»Heilige Maria Mutter Gottes! Er schlägt mir eine Heirat vor?«

»Er fragt dich, ob du seine Frau, Frau Doktor Luther, werden willst, Käthe, ja.«

»Herr Cranach, ich muss zugeben, dass ich sprachlos bin.«

Ich stand auf, um das Atelier zu verlassen. Bevor ich aber die Tür erreichte, sagte er, »Käthchen, meine Liebe, du bist für Barbara und mich wie eine Tochter. Wir wünschen dir das Beste. Fühle dich in keiner Weise gezwungen. Du bist herzlich willkommen, so lange bei uns zu bleiben, wie du magst, als ein Mitglied der Familie. Ich will, dass du das weißt, so dass du deine Möglichkeiten bedenken kannst, bevor du dich entscheidest, was du ihm sagst.« Als er das sagte, fühlte ich mich den Tränen nahe. Ich umarmte ihn fest. Meine Knie fühlten sich weich an, als ich die Treppe hinunter stieg, überwältigt von der Entscheidung, die vor mir lag.

Gut zu wissen

Auszug aus dem Buch von Anne Boileau mit dem Titel »Katharina Luther: Nun, Rebel, Wife«, Clink Street Publishing, London, erscheint am 4. Oktober 2016 in englischer Sprache.
Cranach-Haus, Markt 4, 06886 Lutherstadt Wittenberg, www.lutherstadt-wittenberg.de, täglich geöffnet. In der Schlossstraße 1 befindet sich der Cranach-Hof mit der historischen Druckstube, die Besichtigung ist kostenfrei. Anreise: Bahnhof Lutherstadt Wittenberg, von dort weiter zu Fuß in die Altstadt.

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Frau Doktor Luther 51.866090, 12.643540 Markt 4, 06886, Lutherstadt Wittenberg, Deutschland (Routenplaner)