von Gastautor Dr. Holger Kunde

Der Mittelalter-Experte ist Stiftsdirektor der Vereinigten Domstifter zu Merseburg und Naumburg und des Kollegiatstifts Zeitz:

Fast hätte es ihn gar nicht gegeben, diesen bedeutenden Chronisten des ottonischen Zeitalters. Mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln setzte er sich dafür ein, die Größe des 981 aufgelösten und 1004 neu gegründeten Merseburger Bistums durch königliche Schenkungen wiederherzustellen. Ursprünglich von seiner Familie für eine kirchliche Karriere vorgesehen, sollte der Spross der einflussreichen Grafen von Walbeck 994 im Rahmen eines Geisel-Austausches an die Wikinger übergeben werden, was den sicheren Tod bedeutet hätte. Glücklicherweise gelang seinem Onkel zuvor die Flucht aus den Fängen der Nordmänner, so dass der junge Adelsmann seine Ausbildung an der Magdeburger Domschule forstsetzen konnte.

Mit einer breiten Bildung in allen damals relevanten Disziplinen war Thietmar bestens gerüstet für eine erfolgreiche kirchliche Laufbahn, 1004 wurde er zum Priester und fünf Jahre später zum Bischof von Merseburg geweiht. Seine »Waffen« waren das Wort und die Feder, seine Chronik des 10. und frühen 11. Jahrhunderts wuchs auf acht Bücher an, die auf lebendige und damals alles andere als übliche Weise politische, kirchliche und gesellschaftliche Ereignisse der Ottonen-Zeit darstellen und ihm den Titel »Vater der mitteldeutschen Geschichtsschreibung« einbrachten. Thietmars Aufzeichnungen bieten einen erstaunlich ehrlichen Einblick in die mittelalterliche Welt. Ganz sicher war längst nicht alles, was der Bischof für die Nachwelt aus dem Dunkel der Geschichte überliefert hat, im Sinne der Herrschenden, die sich wohl lieber stets im besten Licht gezeigt hätten.

Kirchliche und weltliche Macht waren im Mittelalter kaum voneinander zu trennen. Heinrich II erhob Merseburg zu seiner wichtigsten Pfalz und liebstem Aufenthaltsort, Bischof Thietmar legte den Grundstein für eine Kathedrale, die an Pracht nicht hinter den großen Bischofssitzen im Süden zurückstehen sollte. Die Weihe des Gotteshauses in Anwesenheit des Kaisers 1021 erlebte er nicht mehr. Die Grundzüge des Merseburger Heinrichdoms sind im heutigen Bau noch erkennbar, den mediterran anmutenden Terrassengarten, in den man aus dem Dunkel des Kapitelhauses hineintritt, gab es hingegen noch nicht. Jedoch kann man sich vorstellen, dass auch der Bischof von hier oben aus gern hinab auf die Saale blickte.

Gut zu wissen

Merseburger Dom, Domplatz 7, 06217 Merseburg (Saale), www.merseburger-dom.de. Vom 15. Juli bis zum 4. November 2018 ist im Dom und der benachbarten Kurie Nova die Sonderausstellung »THIETMARS WELT. Ein Merseburger Bischof schreibt Geschichte« zu sehen. Anreise: Bahnhof Merseburg, Fußweg 1 Kilometer.

Dieser Beitrag entstand in Kooperation mit dem Saale- Unstrut- Tourismus e.V.

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Thietmar von Merseburg – mit den Waffen eines Geistlichen 51.359000, 11.999800 Domplatz 7, 06217 Merseburg, Sachsen-Anhalt (Routenplaner)