von Gastautor Karl Tetzlaff

Karl Tetzlaff besuchte die Landesschule in Pforta und hielt sich häufig in Naumburg auf:

Wer den Naumburger Dom St. Peter und St. Paul betritt, sucht nicht zuerst nach Spuren der Reformation. Es ist die umwerfende Schönheit der Uta von Naumburg, eine steinerne Statue, von der hier eine besondere Anziehung ausgeht: laut dem Schriftsteller Umberto Eco die Frau in der Geschichte der Kunst, mit der er am liebsten essen gehen und einen Abend verbringen würde.

Der unbekannte Naumburger Meister hat eine ganze Reihe von Figuren geschaffen, die sich  im Westchor des Naumburger Doms befinden und jährlich tausende Besucher faszinieren. Meine persönliche Favoritin ist Reglindis, die mit ihrem kecken Lächeln aus der etwas versteinert wirkenden Gruppe der Domstifter so angenehm heraussticht.

Auch ein Bildnis Luthers findet sich im Naumburger Dom, auf der ins Jahr 1466 datierten Kanzel. Was wie eine mittelalterliche Schnitzfigur anmutet, ist aber ein Werk der 1930er Jahre. Luther wurde hier als Stilimitat eingeschmuggelt, weil er einst selbst von dieser Kanzel in bedeutender Situation gepredigt hat: Am 20. Januar 1542 weihte er im Naumburger Dom seinen Weggefährten Nikolaus von Amsdorff zum ersten evangelischen Bischof der Geschichte. Dieser historische Akt ging aber nicht ohne Komplikationen ab – man spricht auch vom »Naumburger Bischofsexperiment«.

Während die Stadt längst mehrheitlich reformatorisch geprägt war, bildete das Naumburger Domkapitel eine letzte Bastion altgläubigen Widerstands. So wählte man 1541 nach dem Tod des amtierenden Bischofs den Zeitzer Stiftspropst Julius von Pflug zum Nachfolger, ohne den Kurfürsten Johann Friedrich I. von Sachsen einzubeziehen. Dieser wollte aber einen reformatorischen Kandidaten und setzte gegen den Willen des Domkapitels, unterstützt von Luther, den erwähnten Nikolaus von Amsdorff als Amtsinhaber durch. Mit einer festlichen Zeremonie, an der mehr als 1.000 Menschen teilnahmen, wurde der Naumburger Dom zum Ursprungsort des evangelischen Bischofsamtes und die Bischofsweihe eine wichtige Wegmarke hin zu einer eigenständigen evangelischen Kirche – mit allen Schwierigkeiten, die von einer hierarchischen Ordnung ausgehen.

Im Naumburger Dom sind es für mich aber eher die Frauen, die den Unterschied machen und mich immer wieder an diesen Ort zurückkehren lassen. Und hat das subversive Lächeln der Reglindis nicht auch etwas von reformatorischer Widerspenstigkeit?

Gut zu wissen

Naumburger Dom, Domplatz 16, 06618 Naumburg (Saale), www.naumburger-dom.de. Öffnungszeiten: März bis Oktober, Mo. – Sa. 9 bis 18 Uhr, So. und an kirchlichen Feiertagen 11 bis 18 Uhr; November bis Januar, Mo. – Sa. 10 bis 16 Uhr, So. und an kirchlichen Feiertagen 12 bis 16 Uhr. Anreise: Haltestelle Lindenring/Dom, Bus (Linien 101,103).

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Zwischen Männermacht und schönen Frauen - der Naumburger Dom 51.154639, 11.803994 Domplatz, Naumburg (Saale), Deutschland (Routenplaner)