Eine Gruppe junger Menschen betritt das Geviert des Stadtgottesackers in Halle. Sie gehen mit gedämpften Stimmen zu Grab 227. Dort legen sie schweigend Steine auf dem Grabstein ab. Es ist die Ruhestätte der Familie Gesenius. Dieser Name ist jedem Studierenden der Theologie ein Begriff, handelt es sich doch um den Herausgeber des Hebräischen Wörterbuchs, mit dem sie alle auf ihre Sprachprüfungen lernen und mühsam das Alte Testament in seiner Originalsprache entschlüsseln. Die Prüfungen stehen bevor. Man holt sich eben soviel Beistand, wie man kann.

Doch nicht nur Wörterbuchautoren haben hier ihre letzte Ruhestätte. Zur Zeit der aufkommenden Wittenberger Reformation, besonders in den Zwanziger und Dreißiger Jahren des 16. Jahrhunderts war Halle eine Stadt im Wandel. Albrecht von Magdeburg hatte von hier aus durch den Vertrieb des Petersablasses Luthers Thesen provoziert. Und er plante weiträumige Veränderungen seiner Residenzstadt, so auch die Verlegung der Friedhöfe, die bis dahin auch um die innerstädtischen Kirchen lagen. Neuer Ort wurde der Martinsberg, auf dem vorher die Opfer der Pest begraben worden waren. Hier entstand 1529 der Stadtgottesacker, der ab 1557 mit Gruftbögen im italienischen Renaissancestil umgeben wurde. Das Konzept dafür lieferte die Reformation, denn Martin Luther zu Folge sollte ein Friedhof ein stiller Ort sein, der zur Andacht und zur Meditation Raum gibt.

Das Innere Gräberfeld ist erst 1818 Jahrhundert eröffnet worden. Vorher wurden die Toten ausschließlich in den offenen Grüften unter den Schwibb-Bögen beigesetzt. Als die hygienischen Ansprüche stiegen und die Toleranz für Verwesungsgeruch sank, verordnete die Stadt 1862, dass die Särge abgedichtet werden sollten: am Besten mit fünf Fuß Erde. Nach zunehmendem Verfall und Zerstörung im Zweiten Weltkrieg ist der Stadtgottesacker heute denkmalgerecht wiederhergestellt. Wer hierher kommt, kann berühmte Geistesgrößen, etwa August Hermann Francke (Bogen 80/81) oder Christian Thomasius (Bogen 10) besuchen, die sich über Jahre um die Stadt Halle verdient gemacht haben und hier ihre letzte Ruhe finden.

Gleich aus drei Richtungen führt die »Gottesackerstraße« auf den Torturm am Eingang zu. Im Herbst mag ich es besonders gerne hier, dann vermischen sich Architektur und Natur auf eine besondere Weise und ich wünsche mir, auch ich hätte vor meiner Prüfung einen Stein auf das Grab von Gesenius gelegt.

Gut zu wissen

Stadtgottesacker, Gottesackerstraße 7, 06108 Halle (Saale), www.halle.de, Öffnungszeiten: 8 bis 16.30 Uhr (Dez.), 17 Uhr (Nov. Jan.,Feb. ), 18 Uhr (Mär., Okt.), 19 Uhr (Apr., Sep.), 20:00 (Mai. bis Aug.). Anreise: Haltestelle Am Leipziger Turm, Straßenbahn (Linien 4, 7, 9), Joliot-Curie-Platz (Linien 1, 2, 5, 10), Magdeburger Straße (Linien 2, 5, 12).

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Der Stadtgottesacker – privilegierter Friedhof und studentischer Wallfahrtsort 51.481864, 11.976643 Gottesackerstraße 7, 06108, Halle (Saale), Deutschland (Routenplaner)