von Gastautorin Nadine Förster

Mit dem mittelalterlichen Städtchen Görlitz verbindet mich und meine Familie eine einzigartige Geschichte: Die Sage der Moller-Linde. Diese begann um 1600, als unser Vorfahre, der 1547 bei Wittenberg geborene Martin Moller, dem Ruf an die Peter- und Paulkirche nach Görlitz folgte. Der Pastor, der, wie überliefert, so manche seiner Mitmenschen an Bildung und menschlicher Güte überragte, kam schnell zu großem Ansehen. Er lebte und predigte aus reformatorischer Überzeugung. Besonders begabt aber war er im Übersetzen alter Texte ins Deutsche. So hinterließ er volksnahe Schriften mit religiöser Motivation, auch Erbauungsliteratur genannt, deren hohe Auflagenzahl die Popularität Mollers noch heute belegt. Eines seiner Werke gilt gar als das beste Erbauungsbuch, das aus der lutherischen Kirche hervorgegangen ist.

In wenigen Jahren hatte sich der talentierte Moller einen Namen gemacht, den man selbst am Hofe in Dresden kannte. Doch schon bald bekam er die Schattenseiten seines Ruhms zu spüren. Görlitz war seit dem letzten Drittel des 16. Jahrhunderts eine rein lutherische Stadt. Neider sagten ihm nach, das Wort Gottes nicht so zu verbreiten, wie es Luther gewünscht hätte. Er wurde beschuldigt, ein Kryptocalvinist zu sein.

Anmerkung der Herausgeber: Der Kryptocalvinismus ist eine abfällige Bezeichnung für Sympathisanten des Calvinismus, eine von der Lehre Luthers abweichende theologische Richtung.

Zur damaligen Zeit war das eine gefährliche Beschuldigung und konnte mit einer Hinrichtung enden. Der Überlieferung nach soll unser damals bereits erblindeter Vorfahre jedoch alle üble Nachrede ertragen und die Familie auf dem Sterbebett 1606 um folgendes gebeten haben: »Wenn ich werde gestorben sein, so pflanzt auf meinem Grabe eine junge Linde mit den Zweigen in die Erde. So gewiss diese Linde wachsen wird, habe ich auch Gottes Wort rein und lauter gelehrt und gepredigt.«

Der Baum wuchs und gedieh und auch heute, nach über 400 Jahren, kann man die prächtige Moller-Linde, die wider der Natur ihre Wurzeln schlug, noch auf dem Nikolaifriedhof in Görlitz bewundern. Der Nikolaifriedhof gilt als seltenes Beispiel frühneuzeitlicher protestantischer Friedhofskultur. Auf der abendlichen etwa 90minütigen Führung »Vom Pestacker zum Sündenfall« kann man diesen »feinen, stillen Ort«, wie ihn Luther einst für die letzte Ruhestätte forderte, auf ganz besondere Weise erleben.

Gut zu wissen

Nikolaifriedhof, Bogstraße 12, 02826 Görlitz, kulturstiftung.kkvsol.net/nikolaifriedhof. Termine der Führung »Vom Pestacker zum Sündenfall« findest du auf der Webseite www.goerlitz.de/angebot. Anreise zum Nikolaifriedhof: Haltestelle Nikolaiturm, Bus (Linie A, C).

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Das Wunder der Moller-Linde 51.160618, 14.987190 Nikolaifriedhof, Bogstraße 12, 02826 Görlitz, Deutschland (Routenplaner)