von Gastautorin Beate Senftleben

Beate Senftleben leitet das Jugendbildungsprojekt wintergrüne direkt gegenüber der Stadtkirche St. Marien in Torgau und erkundet die Kirche regelmäßig zusammen mit Kindern und Jugendlichen:

»Wo liegt sie denn nun wirklich, die Katharina von Bora?« Das ist meist die erste Frage aus der Gruppe, wenn wir vor der Grabplatte an der Wand in der Stadtkirche St. Marien stehen. Es ist offensichtlich, dass das eigentliche Grab nicht direkt hinter der Platte liegen kann. Ich lenke das Gespräch dann auf etwas anderes: »Wie hat es Katharina von Bora, die Frau von Martin Luther, überhaupt geschafft, hier begraben zu werden?«

Im ausgehenden Mittelalter (und noch lange danach) war die Frau Anhängsel des Mannes. Der Mann traf die Entscheidungen. Selbst Martin Luther war der Meinung, dass es rausgeworfenes Geld sei, ein Mädchen zur Schule zu schicken. Doch schon sein engster Mitarbeiter Philipp Melanchthon sah das nach anfänglichem Zögern etwas anders.

»Mein Herr Käthe« nannte Luther seine Frau scherzhaft in vielen Briefen. Als ehemalige Nonne konnte sie lesen und schreiben. Er hatte erkannt, dass seine Frau für die damalige Zeit eine besondere Begabung mit sich brachte. Sie nahm eigenverantwortlich das Ruder in die Hand und hatte klare Ziele: ihren Mann zu stützen und die Kinder durchzubringen. Das erreichte sie mit viel Geschick im Umgang mit Geld und mit klaren Worten gegenüber der Familie und Außenstehenden. Immer wieder nötigte sie ihren Mann, ein Stück Land oder sogar ein kleines Gut anzukaufen. So sicherte sie die Versorgung der Familie und die Bewirtung der vielen Besucher im Haus der Luthers.

»Die Frauen damals hatten wirklich kein eigenes Geld?« Das verblüfft meine Gruppen am meisten. Im Nachdenken über das Gestern und das Heute von Frauen und Männern merken sie, dass sich seit dem Mittelalter einiges verändert hat und wir es heute doch wesentlich einfacher haben. Die Frau ist nicht mehr das Anhängsel des Mannes, Bildung steht jedem offen und ein eigenes Bankkonto gehört zum Alltag. Dass Katharina von Bora hier und nicht auf dem Friedhof von Torgau begraben liegt, ist also eine besondere Auszeichnung. Und so fällt es den jungen Besuchern auch leichter, sie in der Kirche ruhen zu lassen, ohne genau zu wissen wo sie liegt.

Gut zu wissen

Stadtkirche St. Marien, Wintergrüne, 04860 Torgau. Öffnungszeiten: April bis Oktober, Di. – So. 10 bis 18 Uhr; November bis März: Bitte gegenüber im Pfarrbüro in der Alten Superintendentur in der Wintergrüne 2 anfragen. Anreise: Regionalbahnhof Torgau, Anreise mit der Regionalbahn oder S-Bahn aus Leipzig, (Linien 2, 4).

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Stadtkirche St. Marien - wie hat Katharina von Bora es hierher geschafft? 51.560084, 13.006394 Wintergrüne, Torgau, Deutschland (Routenplaner)