von Gastautor Christoph Dieckmann

Christoph Dieckmann ist Journalist, Essayist u.a. für DIE ZEIT und obsessiver Aficionado des FC Carl Zeiss Jena:

Es liegt im Paradies. So heißt Jenas »Auenpark« an der Saale, die das Ernst-Abbe-Sportfeld idyllisch umfließt. Im Frühjahr 1994 trat sie über die Ufer und überflutete auch die Fußballplätze. Wo Jena siegen wollte, balzten Pelikane. Folglich stieg der FC Carl Zeiss aus der 2. Bundesliga ab. Er kam wieder hoch, stürzte abermals, dann noch tiefer, bis in Liga 4 … Die jüngste Überflutung des Ernst-Abbe-Sportfelds ereignete sich am 1. Juni 2017 durch Menschen. In der dramatischen Aufstiegsrelegation zur 3. Liga bezwang Jena Viktoria Köln. Nach dem Abpfiff brachen alle Dämme.

In der Neuzeit hat sich Fußball-Jena sehr verändert. Das namensgebende Kombinat, als dessen Werksklub der Verein 1903 entstanden war, überlebte die DDR als Jenoptik-Konzern und sponsert die heutigen Fußballer mit keinem Cent. Die Holztribüne aus dem Jahre 1924 wurde 1997 abgerissen. 2013 fielen auch die eisernen Giraffen der 1974 erbauten Fluchtlichtanlage: Rostfraß im Fundament, dank Saaleflut. Als der FC Carl Zeiss 2016 im DFB-Pokal gegen Bayern München spielte, musste die Lichtstadt Jena Beleuchtung aus Manchester importieren. Die Zuschauerränge für maximal 12.630 Besucher wurden mittels Stahlrohrkonstruktion temporär ausgebaut. 19.000 erlebten einen Kampf der Titanen, den die Bayern mit letztem Einsatz 5:0 gewannen. Kaum mehr glaubliche 27.500 Zuschauer melden die Annalen des Jahres 1962 vom Europokalspiel gegen Atlético Madrid.

Wer von der Tribüne hinab auf den Rasen blickt, erkennt eine leichte Bodenwelle. Sie stammt aus dem 2. Weltkrieg, als hier eine Flak stand und bombardiert wurde. Seit Jahren plant Jena den Stadionumbau. Eine sogenannte reine Fußballarena soll entstehen, ohne Laufbahn, dafür mit hohen Rängen direkt ums Spielfeld, getrennt von der holden Natur. Letzteres betrübt mich sehr. Fußball in Jena war immer auch ein Landschaftserlebnis. Wie oft tröstete mich in fußballerischer Verzweiflung das erhabene Panorama der Jenenser Höhen. So steht es schon in der Bibel, Psalm 121, Vers 1: »Ich erhebe meine Augen auf zu den Bergen. Woher kommt mir Hilfe?« Von den Kernbergen, bisher.

Gut zu wissen

Ernst-Abbe-Sportfeld, Oberaue 3, 07745 Jena, www.fc-carlzeiss-jena.de, Tel.: +49 (0)3641 76 51 00. Öffnungszeiten: Mo. und Di. 9 bis 15:30 Uhr, Mi. geschlossen, Do. und Fr. 10 bis 18 Uhr. Fanshop und Ticketcenter sind an den Spieltagen ebenfalls geöffnet. Anreise: Haltestelle Sportforum, Straßenbahn (Linien 1, 4, 5, 35).

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Es liegt im Paradies – das Ernst-Abbe-Sportfeld des FC Carl Zeiss Jena 50.916043, 11.582928 Oberaue 3, 07745 Jena (Routenplaner)