von Gastautorin Monika Hasenmüller

Die Islamwissenschaftlerin ist wissenschaftliche Mitarbeiterin der Forschungsbibliothek Gotha:

Mit dem Bau der Residenz Schloss Friedenstein ließ Herzog Ernst I. von Sachsen-Gotha Mitte des 17. Jahrhunderts eine frühbarocke Schlossanlage errichten, die damals ihresgleichen suchte. Für die Büchersammlung der bibliophilen Herrscher wurde später im Ostflügel eigens eine Arbeitsbibliothek eingerichtet, die über die Jahrhunderte zu einer bedeutenden Sammlung von Handschriften und alten Drucken heranwuchs. Zu den besonderen Schätzen gehören die Handschriften und Drucke zur Reformation, darunter Luthers Autograph seiner Übersetzung des Buches Jeremias, und eine bedeutende Sammlung orientalischer Handschriften, die drittgrößte ihrer Art in Deutschland. Ein weiterer wichtiger Schwerpunkt ist die Sammlung Perthes, die aus den historischen Beständen des gleichnamigen Gothaer Verlages hervorging: Perthes-Atlanten und -Karten waren Basis und Ergebnis von Forschungsreisen und prägten unser Bild von der Erde bis weit ins 20. Jahrhundert hinein.

Während die allermeisten Leser der Perthes-Publikationen nur mit dem Finger auf der Landkarte gereist sein dürften, machten sich ab 1820 Millionen von Deutschen auf, ein neues Leben in den USA, aber auch in Lateinamerika oder Australien, zu beginnen. Von den Schicksalen dieser Auswanderer erzählt die Sammlung von Auswandererbriefen an der Forschungsbibliothek Gotha. Die Herausforderungen des Lebens in der Fremde, die sich bei der Lektüre offenbaren, unterscheiden sich kaum von den Schwierigkeiten, mit denen Zuwanderer hier bei uns dieser Tage konfrontiert sind: Die Gewöhnung an eine neue Umgebung, das Erlernen einer fremden Sprache oder das Sich-Zurechtfinden in einer völlig neuen Arbeitswelt war damals wohl genauso mühselig wie heute – zumal die meisten Auswanderer einfache Leute waren, die ihre Heimat aus wirtschaftlichen Gründen und wegen herrschender Perspektivlosigkeit verließen. Die Gothaer Briefe-Sammlung vermittelt einen unmittelbaren Eindruck von der Lebenswelt, den Sorgen und Nöten, aber auch den Hoffnungen der deutschen Auswanderer nach Übersee.

Die Forschungsbibliothek kann im Rahmen von Führungen besichtigt werden und bietet regelmäßig Sonderausstellungen an. Eine Übersicht der Auswanderbriefe ist online verfügbar.

Gut zu wissen

Forschungsbibliothek Gotha, Schloss Friedenstein, Schlossplatz 1, 99867 Gotha,
www.uni-erfurt.de/bibliothek/fb, Tel. +49 (0)361 7375540. Öffnungszeiten: Mo. – Fr. 9 bis 20 Uhr, Sa. bis 18 Uhr. Führungen durch die Schauräume mittwochs 15 Uhr (von Apr. bis Okt.), Abendführungen jeden zweiten Di. im Monat um 18 Uhr. Anreise: Bahnhof Gotha, Regional- und Fernbahn, weiter 15 Min. zu Fuß.

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Post aus Übersee – Briefe deutscher Auswanderer in Gotha 50.945666, 10.704460 Schlossplatz 1, 99867 Gotha (Routenplaner)