von Gastautor Matthias Wenzel

Der Autor ist stellvertretender Vorsitzender im Förderverein Gothaer Tivoli e.V.:

Um das Jahr 1830 ließ sich der Gothaer Finanzrat Johann Wilhelm Andreas Lotze (1768-1846) in der damaligen Sundhäuser Vorstadt ein Gartenhaus errichten. Nach seinem Tod wurde darin eine Restauration eingerichtet. Die Restauration entwickelte sich zu einem Treffpunkt der in Gotha ansässigen Meister und Gesellen. Auch in Gotha entstand vor dem Hintergrund ökonomischer Veränderungen, verbunden mit wachsenden sozialen Ungerechtigkeiten, eine aktive Arbeiterbewegung. Im »Kaltwasserschen Saal«, vereinigten sich vom 22. bis 27. Mai 1875 der Allgemeine Deutsche Arbeiterverein (Lassalleaner) und die Sozialdemokratische Arbeiterpartei Deutschlands (Eisenacher) zur Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands (ab 1890 SPD) und verabschiedeten das Gothaer Programm.

Die 1885 eingeführte Bezeichnung »Tivoli« für die Restauration und die dazu gehörende Brauerei ist von der gleichnamigen italienischen Stadt abgeleitet und war seinerzeit ein populärer Begriff für einen Vergnügungsort. Nach dem Konkurs der Tivoli-Brauerei wurde nach 1919 im Erdgeschoss eine Kleinkinderschule untergebracht und der Saal fortan für Stadtverordnetenversammlungen genutzt. An dieser Nutzung änderte sich lange Zeit nichts. Nachdem die SED 1950 anlässlich des 75. Jahrestages des Vereinigungskongresses eine Gedenktafel mit der Inschrift »Nur die ideologische und organisatorische Einheit der Partei der Arbeiterklasse führt zu Frieden, Demokratie und Sozialismus« anbringen ließ, wurde am 21. April 1956 die »Nationale Gedenkstätte Tivoli« eröffnet.

Schließlich fand am 27. Januar 1990 in Anwesenheit von Willy Brandt (1913-1992) und Egon Bahr (1922-2015) im historischen Saal die Wiedergründung des SPD-Landesverbandes Thüringen nach 44-jähriger Zwangspause statt. An diesem Tag hielt Willy Brandt auf einer Großkundgebung auf dem Hauptmarkt eine mitreißende Rede. Im Oktober 1990 schloss die systembelastete Tivoli-Gedenkstätte ihre Pforten. Zwischen 1998 und 2004 ließ die Stadtverwaltung Gotha die inzwischen marode Bausubstanz sanieren. Anfang 2005 hat der bereits 1992 gegründete Förderverein Gothaer Tivoli das Haus von der Stadt zur Nutzung übertragen bekommen. Die Gedenkstätte steht seit 2006 nun uneingeschränkt für Besucher sowie als Tagungsort und internationale Begegnungsstätte zur Verfügung.

Gut zu wissen

Gedenkstätte Tivoli, Am Tivoli 3, 99867 Gotha, www.tivoli-gotha.de, Tel. +49 (0)3621 704127. Öffnungszeiten: Di. – Do. 10 bis 17 Uhr; Nov. – Apr.: 10 bis 16 Uhr, sowie nach Vereinbarung. U. a. Dauerausstellung zur Geschichte der deutschen Sozialdemokratie mit dem Schwerpunkt Gotha. Anreise: Haltestelle Myconiusplatz, Straßenbahn (Linie 1).

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Die Geschichte der Gedenkstätte Tivoli in Gotha 50.943976, 10.697894 Am Tivoli 3, 99867 Gotha (Routenplaner)