von Gastautorin Karin Schumann

Die Autorin ist Mitarbeiterin der Gera-Information am Markt der Stadt:

Gera war über Jahrhunderte in Architektur und Stadtplanung vom Handwerk der Tuch- und Zeugwarenherstellung und der sich daraus entwickelnden Industrie geprägt. Nach dem Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 entstanden viele Textilbetriebe, Betriebe des Maschinen- und des Musikinstrumentenbaus, die entlang der »Lebensader« Geras, dem Mühlgraben und mitten in der Stadt errichtet wurden. Bereits 1859 erfolgte der Anschluss Geras an das Eisenbahnnetz. Die Stadt besitzt seit 1892 die zweitälteste Straßenbahn Deutschlands, auf deren Schienennetz zugleich auch der Güterverkehr vom Bahnhof in die Fabriken rollte.

Um 1900, als die Textil- und Maschinenbauwerke die Stadt prägten, repräsentierten Fabrikanten ihren Wohlstand auch mit dem Bau reich ausgestatteter Villen, die sie zuerst neben den Fabriken – zum Beispiel der Harmonika-Fabrik Späthe – errichteten. Später suchten sie sich geeignete Grundstücke in nicht »verrauchten« Stadtvierteln.

Der Historismus ist hier hervorstechend in der Architektur, aber auch das Bauhaus, Art Decò und die Neue Sachlichkeit sind stadtbildprägend. Gera ist die Stadt mit den meisten Baudenkmälern aus der Zeit des Bauhauses in Thüringen. Besonders beeindruckend: Die spannende Architektur von Thilo Schoder (Meisterschüler von Henry van de Velde). Er gilt als konsequentester Vertreter des Neuen Bauens in Thüringen. Von Traugott Golde, einem Industriellen, nach Gera geholt, verbrachte Schoder entscheidende Jahre seines Schaffens in Gera (1919-1932). Er plante 53 Bauten, Projekte oder Innenausstattungen im Stil der Moderne bzw. des Neuen Bauens.

Der belgische Architekt van de Velde konzipierte Haus Schulenburg 1913/14 als Wohnhaus der Familie Paul Schulenburgs, dem Besitzer einer Seidenwollweberei. Mit der Villa, der Inneneinrichtung und dem Garten schuf van de Velde ein Gesamtkunstwerk von internationaler Bedeutung. Haus Schulenburg wurde von seinem jetzigen Eigentümer nach originalen Bauplänen detailgetreu rekonstruiert und beherbergt ein Privatmuseum mit einer weltweit anerkannten Sammlung von Buchgestaltungen, originalen Möbeln, Architekturentwürfen, Stoffmustern und Veröffentlichungen van de Veldes.

Gut zu wissen

Haus Schulenburg – van de Velde Museum, Straße des Friedens 120, 07548 Gera, www.haus-schulenburg-gera.de. Öffnungszeiten: Täglich ab 10 Uhr. »Villentouren« als geführte Rundgänge mit anschließendem Besuch des Museums vermittelt die Gera Information im Stadtzentrum, Markt 1A, 07545 Gera, www.gera.de/tourismus, Tel. +49(0)365 8381111.

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Prachtvolle Villen – Zeugnisse einer hohen Industriekultur 50.867349, 12.060542 Straße des Friedens 120, 07548 Gera (Routenplaner)