von Gastautor Thomas Müller

Thomas Müller ist Vorsitzender des Heimatvereins Münchenbernsdorf:

Fast jeder aus den fünf neuen Bundesländern kannte das: Ins Wohnzimmer gehörte ein Teppich, oder noch besser – Auslegeware. Doch die Preise für eine so große Fläche waren exorbitant – und halbwegs passende Ware war auch nicht überall und zu jeder Zeit erhältlich. Aber eines wusste man: Teppiche und Auslegeware kamen aus Münchenbernsdorf, aus der »Teppichstadt«. Münchenbernsdorf und Teppiche, das war für über einhundert Jahre ein zusammengehörender Begriff. Bis zur »Wende« arbeiteten ungefähr 1.200 Menschen in den zwölf Betriebsteilen. Sieben Fabriken produzierten direkt in Münchenbernsdorf.

Für die meisten Mitarbeiter im Ort war die Arbeit in den Teppichfabriken sogar Familientradition, denn schon die Großväter und Großmütter standen an den Webstühlen: Die Textilgeschichte von Münchenbernsdorf reicht bis zu den Leinewebern des Mittelalters zurück. Später folgten Wolltuchfabrikation, Zeugwirkerei und eine Beuteltuchfabrikation, die es zu Weltruhm brachte. Die in der Gründerzeit ab 1856 entstandenen Teppichfabriken sowie eine Druckerei und Färberei verschafften der Stadt einen gewissen Wohlstand. Bis zur »Wende« prägten Fabrikschornsteine die Stadtsilhouette.

Wohl keiner konnte sich vorstellen, dass eine so lange blühende Industrie so schnell zusammenbrechen würde. Binnen weniger Monate verstummte das eintönige »Balickebalacke« der Webstühle im Ort. Eine Fabrik am Stadteingang existiert heute noch, ist modernisiert und liefert hochwertige Bodenbeläge für den Objektbereich, zum Beispiel in Hotels. Nur noch wenig erinnert in Münchenbernsdorf an die einst blühende Industrie, die von sich sagte: »Münchenbernsdorfer Teppiche und Läufer finden in der ganzen Welt ihre Käufer.«

Im letzten und heute einzigen Werk, der Carpet Concept Teppichfabrik, befindet sich ein Web-Museum, das sich auf Nachfrage gern den Besuchern öffnet. Auch das örtliche Heimatmuseum informiert über die Anfänge der hiesigen Teppichindustrie.

Gut zu wissen

Heimatmuseum Münchenbernsdorf in der Alten Försterei, Hinter der Mauer 9, 07589 Münchenbernsdorf, www.heimat-muenchenbernsdorf.de. Öffnungszeiten: Auf Anfrage. Anreise: Haltestellen Fröbelstraße, Akazienstraße oder Wartehalle, Bus (Linien 200, 202, 225) von/nach Gera.

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Von den Leinewebern zur Auslegeware – Textiles aus Münchenbernsdorf 50.820600, 11.931390 Hinter der Mauer 9, 07589 Münchenbernsdorf (Routenplaner)