Fast 25 Jahre habe ich in Erfurt gelebt – wurde hier geboren, bin hier zur Schule gegangen. Meine Kindheit, Jugend und die ersten Studienjahre habe ich hier verbracht. Über die gesamte Zeit war sie immer das Sorgenkind der Stadt: die Johannesstraße, eine der ältesten Straßen Erfurts. Benannt wurde sie nach der Johanneskirche, von der heute nur noch der Johannesturm vorhanden ist. Zur Zeit der Reformation endete die Nutzung der Kirche als Gebetshaus. Schließlich wurde sie zwischen 1817 und 1819 abgerissen. Der Johannesturm dient heute dem benachbarten Augustinerkloster als Glockenturm.

Als ich 15 Jahre alt war, wurde mir einmal ein Frisör in der Johannesstraße empfohlen. Ich probierte ihn jedoch nie aus, denn die Straße war für mich lediglich die Stieftochter der Altstadt und bot außer Second-Hand-Läden und dem Stadtmuseum nichts Attraktives und was sich an ihrem nördlichen Ende abspielte, wollte ich gar nicht wissen. Lange war die Johannesstraße eine unscheinbare Seitenstraße, die in den Norden führte. Erst vor wenigen Jahren erkannten die Erfurter offenbar den Wert der Straße, die immerhin direkt in den Anger mündet und von der aus man unter anderem zur Krämerbrücke, dem Augustinerkloster oder dem Klein Venedig gelangt.

Der Frisör von damals hat längst geschlossen und über die Jahre feierten verschiedene Bars und Restaurants ihr Opening und nach spätestens einem Jahr ihr Closing. Selbst Szenekenner scheiterten mit ihren Konzepten.

Doch seit es ein paar Läden geschafft haben und regelmäßig Leute anziehen, ist die Straße plötzlich in aller Munde und an den Wochenenden bilden sich vor den verschiedenen Lokalen zumeist große Menschenansammlungen. Die hatte man bis vor wenigen Jahren nur vor dem »Kickerkeller«, einem alternativen Club, der tagsüber beinahe unsichtbar ist. Umschlossen wird er inzwischen von einem Irish Pub, dem ältesten Wiener Kaffeehaus Erfurts und der Kunstgalerie »Retronom«, die erst im März 2016 eröffnet hat und seitdem regelmäßig zu Veranstaltungen, die über Kunstausstellungen hinaus gehen, einlädt. Zu empfehlen sind auch der Veggie Food Laden »Green Republic« und der Getränke-Spätverkauf an der Ecke zur Futterstraße, in dem man sich zu fortgeschrittener Stunde auch gerne auf ein Bier trifft.

Gut zu wissen

Johannesstraße, 99084 Erfurt. Anreise: Haltestelle Stadtmuseum, Straßenbahn (Linien 1 und 5) oder zu Fuß vom Anger 1 aus.

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Die Johannesstraße – Stieftochter der Altstadt 50.982125, 11.031510 Johannesstraße, 99084 Erfurt (Routenplaner)