von Gastautor Felix Roth

Der Autor ist pädagogischer Mitarbeiter in der KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora:

Britische Luftangriffe auf die Produktionsstandorte der A4-Rakete – von der NS-Propaganda als Vergeltungswaffe 2 – »V2« – bezeichnet – führten zur Untertageverlagerung der Fabrikation in eine vorhandene Stollenanlage bei Nordhausen im Südharz. Im August 1943 gründete die SS das Lager Dora, das zunächst dem KZ Buchenwald als Außenlager unterstellt war. Für den Ausbau der Stollenanlage im Kohnstein und die Serienproduktion der Raketen deportierte die SS tausende KZ-Häftlinge aus anderen Konzentrationslagern in das Lager Dora. In Ermangelung einer Lagerinfrastruktur beging die SS-Lagerführung einen menschenverachtenden Tabubruch mit folgenschweren Auswirkungen für die Insassen: In den ersten neun Monaten mussten Tausende in einem Häftlingslager im Stollen leben und arbeiten. Ohne Tageslicht, Frischluft sowie medizinische und hygienische Versorgung, setzte unter den Häftlingen ein Massensterben ein.

Ab Jahresbeginn 1944 startete die Produktion der A4-Rakete im unterirdischen Werk der »Mittelwerk GmbH«. Neben deutschen Zivilangestellten arbeiteten hier über 5.000 KZ-Häftlinge in der Endmontage der Rakete. Aufgrund der mangelnden Serienreife, der katastrophalen Arbeitsbedingungen für die KZ-Häftlinge und der ungünstigen Produktionsbedingungen in der unterirdischen Fabrik wurde nur eine geringe Produktivität bei gleichzeitig hoher Ausschussquote erreicht, sodass die realitätsfernen Zielvorgaben der NS-Führung nie erfüllt wurden.

Die etwa 200 vorgefertigten Baugruppen der A4-Rakete wurden von hunderten Zulieferbetrieben aus dem gesamten Deutschen Reich in den Südharz transportiert. Diese waren ihrerseits von unzähligen Subunternehmen in ganz Europa abhängig. Dabei setzte fast jedes dieser Unternehmen Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge in der Fertigung ein.

Die Mehrheit der Insassen des KZ Mittelbau-Dora war jedoch nicht in der Raketenproduktion, sondern auf Untertagebaustellen und in Rüstungsbetrieben der Umgebung zur Zwangsarbeit eingesetzt. Im November 1944 wurde aus dem Buchenwalder Außenlager Dora das administrativ selbstständige Konzentrationslager Mittelbau und damit den übrigen Hauptlagern wie Buchenwald oder Sachsenhausen gleichgestellt. Jeder Dritte der über 60.000 KZ-Häftlinge im Lagerkomplex überlebte die mörderischen Arbeits- und Lebensbedingungen nicht.

Gut zu wissen

KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora, Kohnsteinweg 20, 99734 Nordhausen, www.buchenwald.de/29, Tel. +49 (0)3631 495813. Öffnungszeiten: Täglich außer montags, Nov. – Feb. 10 bis 16 Uhr, Mrz. – Okt. 10 bis 18 Uhr. Anreise: Haltestelle Nordhausen-Krimderode, Straßenbahn (Linie 10), von dort 20 Min. Fußweg zur Gedenkstätte.

Karte wird geladen - bitte warten...

Zwangsarbeit in der NS-Rüstungsproduktion – das KZ Mittelbau-Dora 51.535130, 10.751140 Kohnsteinweg 20, 99734 Nordhausen (Routenplaner)