von Gastautor Ramón Seliger

Seit über 15 Jahren wohnt Ramón Seliger in der Stadt, sein Studium der Theologie hat ihn hierher geführt. Seitdem hat Jena ihn nicht mehr losgelassen:

Gerade noch rechtzeitig vor der Eröffnung der Universität Jena wurde die Stadtkirche St. Michael mit ihrem markanten Turm im Zentrum von Jena im Jahr 1557 fertig gestellt. Auch heute ist diese Kirche ein Ort für akademische Gottesdienste. Das Bauen im Mittelalter muss man sich aber deutlich langsamer als heute vorstellen: Schon im Jahr 1380 wurde mit dem Bau der Hallenkirche begonnen. Und so hat die Kirche während ihrer Bauzeit einiges ansammeln können an kirchengeschichtlich interessanten Details.

So predigte Martin Luther mehrmals von der Kanzel. Hätte er in die Zukunft schauen können, wäre ihm vielleicht flau im Magen geworden: Heute hängt an der Wand gegenüber der Kanzel das Original seiner Grabplatte. Sie hatte nach dem Guss den Weg von Erfurt nicht mehr bis nach Wittenberg geschafft. Denn kurz nach Luthers Tod hatte der katholische Kaiser Karl V. und seine Verbündeten den Schmalkaldischen Bund der Protestanten bei Mühlberg an der Elbe geschlagen und war in Wittenberg eingerückt. Die Grabplatte war in Jena hängen geblieben, in Wittenberg befindet sich heute die Kopie.

Was würden die Reformatoren von damals wohl denken, wenn sie heute nach der Predigt in St. Michael durch die Straßen von Jena gingen? Sie wären einerseits wohl freudig überrascht, was aus der Stadt geworden ist. Freude darüber, eine sehr fröhliche und lebendige Stadt vorzufinden. Es gibt Quellen, die für das Stadtbild des 16. Jahrhunderts ein gänzlich anderes Bild zeichnen. Heute stellen die Cafés Bänke auf, es ist bunt und kreativ – eine richtige Studentenstadt.

Gleichzeitig wären die Reformatoren aber wohl auch irritiert und voller Sorge darüber, was aus dem reformatorischen Erbe geworden ist. Vielleicht könnten sie das Spannungsfeld nachvollziehen, in dem wir uns heute befinden: Zum einen ist Jena ein wichtiger Ort für die Reformation und zum anderen gilt es die Bedeutung dieser Reformation für die Menschen heute wieder ganz neu zu formulieren. Diese (neue) Herausforderung würde Luther dann vielleicht nach der Predigt in St. Michael ausgiebig bei einem Mahl im Schwarzen Bären mit Freunden und Kritikern disputieren.

Gut zu wissen

Stadtkirche St. Michael, Kirchplatz 1, 07743 Jena, www.stadtkirche-jena.de. Öffnungszeiten: Mo. – Sa. 11.30 bis 16.30 Uhr. Führungen in der Regel von Mai bis November, donnerstags zwischen 14.30 und 16 Uhr. Anreise: Haltestelle Stadtzentrum / Löbdergraben, Straßenbahn (Linie 1,2,3,4,33,34,35).

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Wege und Wendungen der Reformation – St. Michael im Zentrum von Jena 50.929021, 11.587634 Kirchplatz 1, 07743 Jena (Routenplaner)