von Gastautor Ramón Seliger:
Seit über 15 Jahren wohnt Ramón Seliger in Jena und arbeitet zur Zeit als Vikar in Weimar:

Die Stadtkirche St. Peter und Paul ist eine der wesentlichen Wegmarken der Reformation. Hier und in der nicht mehr erhaltenen Schlosskirche predigte Martin Luther seine Obrigkeitslehre und Zwei-Reiche-Lehre maßgeblich von der Kanzel herab. Mit dieser Lehre von der Obrigkeit trennte er im ausgehenden Mittelalter die damals noch enge Verknüpfung von weltlichem und göttlichem Reich. Er schlug damit einen Pflock ein mit dem Hinweisschild für die jeweiligen Herrscher – Adel und Klerus – sich entweder um die Wahrung der weltlichen Ordnung oder um die geistliche Ordnung zu kümmern, aber nicht um beides in Personalunion. Dies hatte weitreichende Folgen: die Entflechtung von Kirche und Staat, Papst und Kaiser.

Die Ernestiner mit Friedrich dem Weisen und seinen Nachfolgern, die selbst eine größere Unabhängigkeit vom Einfluss der Kirche anstrebten, unterstützen ihn und seine Ideen. Im Zusammenspiel des Schlosses in Weimar, einem Sitz der weltlichen Herrscher der Ernestiner mit der Stadtkirche, dem Ort der Predigten rund um die Obrigkeitslehre kann man gut sehen, wie das evangelische und reformatorische Bekenntnis durchgesetzt wurde. Diese Kirche symbolisiert damit auch die politische Dimension der Reformation. In Wittenberg haben die Ideen aus theologischer Sicht ihren Ursprung, auf der Kanzel in Weimar folgte ihre politische Festigung.

Und noch etwas finde ich in dieser Kirche, das sie aus meiner Sicht von anderen Kirchen abhebt: der Flügelaltar gestaltet von Lucas Cranach dem Jüngeren. Wenn mich jemand fragen würde, wie sich die Reformation als Bild darstellt, dann würde ich demjenigen antworten: »Schau dir den Altar in der Stadtkirche von Weimar an. Dort wandern die Reformatoren buchstäblich in das Bild hinein. Der Altar ist natürlich ein Besuchermagnet in der Stadt, aber er zeigt eben auch DAS protestantische Bild und die enge Verknüpfung der Cranach-Werkstätten mit der Reformation und mit Luther.

Und noch jemand hinterließ in der Kirche St. Peter und Paul in der Zeit nach der Reformation seine Spuren: Johann Gottfried Herder wurde 1776 auf Vermittlung Goethes hin Generalsuperintendent und Prediger an der Kirche. Seither heißt sie im Volksmund auch Herderkirche.

Gut zu wissen

St. Peter und Paul (Herderkirche), Herderplatz 8, 99423 Weimar, www.ek-weimar.de. Öffnungszeiten: Mo. – Sa. 10 bis 18 Uhr, sonn- und feiertags 11 bis 12 Uhr und 14 bis 16 Uhr. November bis März angepasste Öffnungszeiten. Anreise: Haltestelle Goetheplatz, Bus (Linien 1,2,3,5,7), von dort weiter 6 Min. zu Fuß.

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Kanzel der Zwei-Reiche-Lehre – die Stadtkirche in Weimar 50.981160, 11.328950 Herderplatz 8, 99423 Weimar (Routenplaner)