von Gastautorin Ulrike Schulz

Die Wissenschaftlerin ist Autorin des Buches »Simson. Vom unwahrscheinlichen Überleben eines Unternehmens 1856-1993«:

Wer die Stadt Suhl und ihre Industriekultur kennenlernen will, muss sich Zeit nehmen. Das ist nicht nur so, weil sich Suhl aus acht weit auseinandergezogenen Stadtvierteln, sondern auch aus sehr verschiedenen, historisch geprägten Schichten zusammensetzt. Wer also nur durch den Suhler Stadtkern spaziert, vom Bahnhof bis zum Marktplatz, dann zurück über die unterhalb liegenden Einkaufspassagen, welche die drei markanten Hochhäuser aus Zeiten der DDR verbinden, der könnte Suhl und seine ereignisreiche Industriegeschichte verpassen.

Zwar finden sich in der Stadt ein Fahrzeug- und ein Waffenmuseum, deren Besuch ausdrücklich zu empfehlen ist. Meine persönliche Erfahrung ist aber, dass die vielen noch erhaltenen Überreste von Suhls langer Industriegeschichte viel besser an ihren originären Orten verständlich werden, an denen es bislang kaum museale Repräsentation und Aufarbeitung gibt. Da ist etwa der Ortsteil Heinrichs, in dem das riesige Gelände der ehemaligen Simson-Werke liegt. Die 150 Jahre Firmengeschichte lassen sich dort in ihren historischen Schichten abschreiten.

Die Stadt ist neben ihren »Suhler Waffen« für diese Firma berühmt. Hier hatte Mitte des 19. Jahrhunderts die jüdische Kaufmannsfamilie Simson begonnen, Waffen herzustellen, später Fahrräder, dann Automobile. Seit Anfang des 20. Jahrhunderts war es die größte und wichtigste Fabrik am Ort. »Unten beim Jüd«, wie es hieß, arbeiteten halb Suhl und Umgebung. Das war noch so, als die Nationalsozialisten das Werk 1935 enteigneten und eines der größten Rüstungsunternehmen in Thüringen errichteten. Das war auch noch so, als die Sowjetunion hier eine Motorradfabrik bauen ließ und vor allem, als die DDR-Wirtschaftsplaner 1952 beschlossen, auf dem Fabrikgelände das heute wohl berühmteste Kleinkraftrad Deutschlands bauen zu lassen: den KR 51, auch bekannt als die »Schwalbe«.

Nach der »Wende«, im Jahr 1991, musste die Fahrzeugproduktion in Suhl eingestellt werden. Die Mokicks, Mopeds und Roller aus Suhl aber, die seit Jahrzehnten nicht mehr produziert werden, sind dennoch beliebter denn je und zu Tausenden zurück auf den Straßen – den Bastlern und Tüftlern sei Dank.

Gut zu wissen

Fahrzeugmuseum Suhl, Friedrich-König-Straße 7, 98527 Suhl, www.fahrzeug-museum-suhl.de, Tel. +49(0)3681 705004. Öffnungszeiten: Täglich 10 bis 18 Uhr. Anreise: Bahnhof Suhl, Regionalbahn, weiter ca. 8 Min. zu Fuß.

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Simson aus Suhl – bis heute lebendig dank der »Schwalbe« 50.610283, 10.687629 Friedrich-König-Straße 7, 98527 Suhl (Routenplaner)