Interview mit Karl Meyerbeer, Hausbesetzer, Erfurt.

Wie kam es 2001 zur Besetzung des ehemaligen Geländes der Firma Topf & Söhne?
Mitte der 1990er Jahre gab es in Erfurt Leute von der Uni, aus Gewerkschaften und der PDS, die deutlich machten, dass es diese Industriebrache gibt, wo früher die Öfen für die Konzentrations- und Vernichtungslager hergestellt wurden. Die Leichenberge konnten nur mithilfe der Öfen verschwinden. Vor 15 Jahren war das ein Tabu. Der Oberbürgermeister sagte: »Wo kämen wir denn da hin, wenn wir eine Gedenkstätte wegen der Öfen gründen, dann müssen wir auch eine haben, wo Limonade und Brötchen für Buchenwald produziert wurden.« Weil es 2001 schon Jahre kein autonomes Zentrum mehr gab, kam die Idee auf, das Topf & Söhne-Gelände zu besetzen. Auf dem Plenum am Vorabend der Besetzung stritten wir darüber, ob man an einem Täterort millionenfachen Mordes ein Kulturzentrum gründen darf. Wir entschieden uns dafür, aber unter Vorbehalt. Wir sollten niemals vergessen, wofür der Ort steht, verbunden mit dem Auftrag, selbst am Thema zu arbeiten.

Heute sind hier Garten-, Möbelmarkt, Parkplatz und noch das Verwaltungsgebäude von Topf & Söhne. Was habt ihr damals hier vorgefunden und wie ging es weiter?
Alles stand seit Schließung des Mälzerei- und Speicherbau leer und verfiel. Als wir reingingen gab es auch die Zwangsarbeiterbaracken noch und Industriehallen voller Müll. In der oberen Etage standen die Zeichentische, die auch heute im Erinnerungsort zu sehen sind. Die alte Schlosserei war intakt, wo wir dann gleich neue Fenster einsetzten. So entstand Platz zum Wohnen und für Projekte – das Veranstaltungszentrum, ein Kino und auch die Technoszene nahm sich eine Halle. Aus unserer Selbstverpflichtung heraus gründete sich die Geschichts-AG, die Besucher-Rundgänge anbot. So wurden das Gelände und seine Geschichte viel bekannter und blieb in der Diskussion darüber, dass hier etwas passieren muss. 2005 kam es auch zu einem Umdenken bei der Stadt, nachdem eine Ausstellung zu Topf & Söhne im Jüdischen Museum Berlin zu sehen war.

2009 war Schluss für euch. Die Gebäude wurden abgerissen und es kam der Erinnerungsort. Was war passiert?
Der uns wohlgesonnene Insolvenzverwalter war weg, das Gelände wurde verkauft. Noch in der Nacht der Räumung durch die Polizei wurde alles platt gemacht. 2011 wurde im damals nicht besetzten Verwaltungsgebäude der Erinnerungsort eröffnet.

Gut zu wissen

Erinnerungsort Topf & Söhne, Sorbenweg 7, 99099 Erfurt. www.topfundsoehne.de, Virtueller Gelände-Rundgang: www.topf.squat.net/topf/virtueller_rundgang, Tel. +49 (0)361 6551681. Anreise: Haltestelle Spielbergtor, Bus (Linie 9 ab Hbf.) oder Haltestelle Robert-Koch-Straße, Straßenbahn (Linien 3, 4), 15 min. Fußweg.

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Die Ofenbauer von Auschwitz 50.971900, 11.049000 Sorbenweg 7, 99099 Erfurt (Routenplaner)