von Gastautorin Andrea Wagner

Andrea Wagner ist die Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Weimar:

Im deutschen Nationaltheater in Weimar sprach Marie Juchacz 1919 als erste weibliche Parlamentarierin vor der Deutschen Nationalversammlung. Heute trägt der Sitzungssaal des Weimarer Stadtrates ihren Namen. 2018 jährt sich das Frauenwahlrecht in Deutschland zum hundertsten Mal. Das ist Grund genug, sich über den Stand der Gleichstellung der Geschlechter Gedanken zu machen.

Schon die frühe Frauenbewegung hat viel erreicht für Frauen: Das Wahlrecht, das Recht auf ein Studium, die Verbesserung der Gesundheitsfürsorge. Künstlerinnen und Autorinnen konnten in der Folge wagen, unter ihrem eigenen Namen zu veröffentlichen und auch die Mode änderte sich – Frauenkleidung beispielsweise musste nun auch so geschnitten sein, dass man mit ihr auf einem Fahrrad sitzen konnte. All das sind Umstände, an die wir uns gewöhnt haben. Darüber hinaus gibt es jedoch heute noch viele Ungerechtigkeiten und ich frage mich, ob wir das Bewusstsein dafür schleichend verlieren. Unsere Konsumgesellschaft beispielsweise wird von der Werbeindustrie mit vorgefertigten Klischees berieselt, beim sogenannten Genderpricing zahlen Frauen mehr für Produkte als Männer. Und Gewalt gegen Frauen ist immer noch ein Thema. Wir haben zwar die passenden Gesetze dagegen, es fehlt oft aber an der Übernahme der Kosten für geeignete Gegenmaßnahmen.

Heute können wir sehen, dass sich die Bewegung für gleiche Rechte über die Geschlechtergrenzen ausweitet. Es findet eine Verschwesterung zwischen Frauen, Homosexuellen, Queers und auch einigen progressiven Männergruppen statt. Auch Männer sagen inzwischen: Wenn Feminismus Befreiung für alle heißt, dann können auch wir uns damit identifizieren. Dieses (wieder) aufkeimende Bewusstsein, dass Gleichstellung in den unterschiedlichen Lebensbereichen noch lange nicht erreicht ist, es sogar vermehrt weltweit Angriffe auf vermeintliche Selbstverständlichkeiten gibt, zeigt sich im Symbol der Pussyhats. Als Reaktion auf einen Ausspruch des amerikanischen Präsidenten begannen Frauen – bald auch Männer – mit pinkfarbenen Strickmützen auf die Straße zu gehen. Sie wenden sich gegen jegliche rückwärtsgewandte, ausgrenzende Politik. Das Tolle ist: Der Women’s March mit seinen Pussyhats hat es geschafft, Menschen über jegliche nationale, soziale Grenzen hinweg zu erreichen und das große Ganze in den Blick zu nehmen.

Gut zu wissen

Deutsches Nationaltheater, Theaterplatz 2, 99423 Weimar, www.nationaltheater-weimar.de. Zum 100jährigen Jubiläum des Frauenwahlrechts plant das Büro für Gleichstellung ein musikalisches Beteiligungsprojekt in Weimar und über die Stadtgrenzen hinaus. Anreise Theater: Haltestelle Goetheplatz, Bus (alle Linien).

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Vom Deutschen Nationaltheater in Weimar zur pinkfarbenen Wollmütze 50.979804, 11.325054 Theaterplatz 2, 99423 Weimar (Routenplaner)